Poulenc, Francis

Stabat Mater / Les Biches

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Hänssler Classic CD 93.297
erschienen in: das Orchester 07-08/2013 , Seite 75

Den Nor­men der seri­al­is­tisch aus­gerichteten musikalis­chen Avant­garde der 1950er Jahre entsprach Poulencs Musik keineswegs. Den­noch gehört er zu den großen franzö­sis­chen Kom­pon­is­ten des 20. Jahrhun­derts und wird nun auch hierzu­lande wieder­ent­deckt. Dabei zählte Poulenc als Mit­glied der 1918 gegrün­de­ten Musik­ervere­ini­gung „Group des Six“ um Satie dur­chaus zur Avant­garde der frühen 1920er Jahre, bevor bald Schön­berg und seine Schule den musikalis­chen Fortschritt für sich reklamierten.
Poulencs Musik bezieht ihren Reiz aus ein­er feinen kom­pos­i­torischen Fak­tur, die Klangsinnlichkeit und Ele­ganz, bisweilen auch humor­volle Ein­sprengsel her­vor­ruft. Bei den bei­den Werken, die die CD vere­int, han­delt es sich um ein­drucksvolle Repräsen­tan­ten seines Schaf­fens. Sie stam­men aus zwei unter­schiedlichen Leben­sphasen, sie zeu­gen von Reli­giosität und dies­seit­iger Lebens­freude, so wie sie ihm als typ­is­che Per­sön­lichkeitsmerk­male nachge­sagt wer­den: zunächst die 1924 uraufge­führte Bal­lettsuite Les Bich­es in ihrer voll­ständi­gen Fas­sung ein­schließlich der häu­fig wegge­lasse­nen Sätze mit Chor­beteili­gung, dann, zu Beginn der Ein­spielung, das Sta­bat Mater aus dem Jahr 1951. Dieses Werk kom­ponierte Poulenc zur Erin­nerung an Chris­t­ian Bérard, einen Maler und Fre­und. Sowohl die Rück­kehr Poulencs zur Dia­tonik als auch der klare musikalis­che Auf­bau sind für ein Werk aus der Mitte des 20. Jahrhun­derts ungewöhn­lich. Für die Trauer wer­den ein­drucksvolle musikalis­che Aus­druck­sweisen gefun­den, die die Für­bit­ten bei der Jungfrau Maria für den Ver­stor­be­nen sehr authen­tisch ver­mit­teln.
Im Gegen­satz dazu rei­ht der Kom­pon­ist in Les Bich­es, wörtlich über­set­zt „Hirschkühe“ – sin­ngemäß über­tra­gen sind eher leichte Mäd­chen gemeint –, stilis­tisch sehr unter­schiedliche Sätze aneinan­der, die Neobaro­ckes, ver­gle­ich­bar mit Straw­in­skys Pul­cinel­la, mit Jazzele­menten, etwa ein­er Rag-Mazur­ka, mis­chen. Auch die Ver­wen­dung von Vokalstim­men erin­nert an Straw­in­sky.
Der Chefdiri­gent des Radio-Sin­fonieorch­esters Stuttgart des SWR Stéphane Denève, seit der Sai­son 2011/12 Nach­fol­ger von Roger Nor­ring­ton, hat für diese Auf­nahme sein Orch­ester mit dem SWR Vokalensem­ble und dem NDR Chor zusam­menge­führt. Für die inni­gen Gesangspas­sagen im Sta­bat Mater wurde die im Stuttgarter Musik­leben bekan­nte und gle­ichzeit­ig inter­na­tion­al sehr gefragte Sopranistin Marlis Petersen engagiert. Unter der Leitung Denèves ist den Musik­ern dieser Auf­nahme eine Inter­pre­ta­tion gelun­gen, die den Aus­druckss­p­a­gat zwis­chen der Tiefe religiös­er Gefüh­le und ein­er sehr paris­erischen Leichtigkeit mit einem Schuss Jazz überzeu­gend ver­mit­telt.
Karim Hassan