Antonín Dvořák

Stabat mater

for Soloists, choir and piano. Julia Kleiter, Gerhild Romberger, Dmitry Korchak, Tareq Nazmi, Julius Drake, Chor des Bayerischen Rundfunks, Ltg. Howard Arman

Rubrik: CDs
Verlag/Label: BR Klassik
erschienen in: das Orchester 02/2020 , Seite 68

Schauer­lich, gruselig gar. Attribute, die sich auf den düsteren und fahlen Beginn des Sta­bat mater von Antonín Dvořák beziehen und zwar auf die erste Fas­sung mit sieben Sätzen aus dem Jahr 1876 op. 58 mit lediglich einem Klavier (Julius Drake) als Begleitung. So, als ob zunächst der Tod selb­st als Akteur erscheint, das trau­rige Geschehen atmo­sphärisch tränkt und mit todesna­hem „pas­sus durius­cu­lus“ das Ganze ständig durch­wan­dert und latent zu spüren ist. Dieser musikalis­che Topos äußert sich hör­bar durch eine chro­ma­tisch abfal­l­ende Quarte. Zwis­chen­durch kommt er aber auch trös­tend daher, wie das „Sollst san­ft in meinen Armen schlafen“ im Matthias-Claudius-Gedicht Der Tod und das Mäd­chen.
Der eine oder andere mag bei manchen Stellen in der Klavier­be­hand­lung – so beispiel­sweise bei „Eja mater, fons amor­is“ – vielle­icht an jene „schauer­lichen Lieder“ der Win­ter­reise von Franz Schu­bert denken, von ihm selb­st in ein­er Ein­ladung an seine Fre­unde so beze­ich­net. Wolf­gang Stähr, der das infor­ma­tive Book­let ver­fasste, weist auch auf diese Affinität hin. Ins­beson­dere läge auf der Musik dieser „fatal­en Wan­der­schritt, der Schre­itrhyth­mus ein­er unaufhör­lichen Mar­cia fune­bre buch­stäblich zugrunde, von der Wiege bis zur Bahre“.
Stähr gibt fern­er eine kleine Über­sicht über die Sit­u­a­tion der dama­li­gen katholis­chen Kirchen­musik und ihre Reformbe­stre­bun­gen im 19. Jahrhun­dert, ist aber vor­sichtig in der Beurteilung der biografis­chen Zusam­men­hänge um den Tod von Dvořáks Kindern in bezug auf das Werk.
Der bald nach der Klavier­in­tro­duk­tion ein­set­zende Chor, der unter der Leitung von Howard Arman zunächst wie aus einem Nebel hin­aus­tritt, noch schemen­haft, dann klar­er, aber stets bei bester Stimme, singt nahezu into­na­tion­srein mit bewe­gen­der Stimme und tiefem Ernst, mildert die Atmo­sphäre zum Tröstlichen und San­ften.
Aber auch die einzel­nen, unaufgeregt und emphatisch klin­gen­den Soli mit Julia Kleit­er, ihrer­seits mit her­rlichem Sopran aus­ges­tat­tet, Ger­hild Romberg­er mit samti­gen Alt, Dmit­ry Kor­chak mit hellem und glock­en­reinem Tenor sowie Tareq Naz­mi mit erdi­gem und tief­gründi­gem Bass ver­schön­ern einzeln oder in ver­schiede­nen Grup­pierun­gen das tief­trau­rige und zugle­ich hoff­nungsvoll kom­ponierte Sta­bat mater. Aufgenom­men wurde es Anfang März 2019 im Münch­n­er Prinzre­gen­tenthe­ater.
Anders als bei dem fast zwei Jahre später von Dvořák für großes Orch­ester bear­beit­eten Werk fehlen hier noch vier Stro­phen zwis­chen „Tui nati vul­nerati“ bis zum Ende der Stro­phe von „Vir­go vir­ginum praeclara“. Dvořák ver­tonte dann auch diese Stro­phen und ver­sah die mit­te­lal­ter­liche Sequenz mit ihren 20 Stro­phen mit einem üppi­gen
Instru­men­ta­lap­pa­rat – wohl auch eine Art „musikalis­che Antwort und Trauer­ar­beit nach dem Tod sein­er bei­den Kinder“. Während die vor­liegende Fas­sung in trau­riger, beina­he med­i­ta­tiv­er Intim­ität ver­haftet bleibt, passt die Orch­ester­fas­sung eher in den Konz­ert­saal.
Wern­er Boden­dorff