Nikolaus Bachler

Sprachen des Musiktheaters

Dialoge mit fünfzehn zeitgenössischen Regisseuren

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Schirmer/Mosel
erschienen in: das Orchester 1/2022 , Seite 63

Wenn das ganze Leitung­steam ein­er Staat­sop­er Abschied nimmt, sollte es etwas als  Doku­ment dieser Zeit geben, etwa viele Mitschnitte auf Medi­en oder ein gewichtiges Buch. Zum Ende der Inten­danz von Niko­laus Bach­ler an der Bay­erischen Staat­sop­er jedoch gab es keinen opu­len­ten Bild­band mit Jubel-Zitat­en aus aus­gewählten Kri­tiken – son­dern vielmehr ein Lese­buch zum zeit­genös­sis­chen soge­nan­nten „Regi­ethe­ater“.
Mit zwei Regis­seurin­nen, 13 Regis­seuren und einem auch insze­nieren­den Chore­ografen hat Niko­laus Bach­ler sozusagen „Kaminge­spräche“ geführt – und zwar weit über die  Insze­nierun­gen der Gesprächspart­ner während sein­er 13-jähri­gen Inten­danz hin­aus­ge­hend: Die Gespräche führen mal in die Jugend, mal ins Pri­vate, oft ins Grund­sät­zliche zu Libret­to, Entste­hungs- oder Erar­beitungszeit, zur Musik und zum The­ater früher und heute.
Verzicht­bar: die ein­lei­t­ende, schwurbe­lige, sich poet­isch gebende „Dich­tung“ von Albert Oster­maier, die auch nicht zu Titel und Inten­tion des Buchs passt – eben­so wenig wie die 13 Zeich­nun­gen von Geor­gia Grin­ter. Zu Recht aber ste­ht Hans Neuen­fels am Anfang der  Gäste, denn die „Frank­furter Neube­fra­gung von Klas­sik­ern“ durch das Duo Michael Gie­len und Klaus Zehelein und dann die Aida-Neuin­sze­nierung durch Neuen­fels bilde­ten einen ersten Gipfel der Inter­pre­ta­tion dessen, was als „Regi­ethe­ater“ etiket­tiert wird.
Dann fol­gt im Buch – in Gesprächen unter anderem mit David Bösch, Frank Cas­torf, Andreas Dresen und Mar­tin Kušej bis hin zu Amélie Nier­mey­er und Krzysztof War­likows­ki – viel Lesenswertes und Dif­feren­ziertes zu Kun­st, The­ater und Leben, aber eben auch Per­sön­lich­es. Glasklar benen­nt Romeo Castel­luc­ci: „Oper ist heutzu­tage ein großes transat­lantis­ches Geschäft“. Mar­tin Kušej befür­wortet Ein­griffe in die Werke – und als Bach­ler ihm ent­ge­gen­hält, dass im Schaus­piel seit 20 Jahren „Any­thing goes“ gelte, geste­ht Kušej, dass dies „in eine fürchter­liche Sack­gasse geführt“ habe. Lei­der wird dieser Aspekt dann nicht klar und überzeu­gend ausdiskutiert.
Generell gilt für viele der geäußerten Gedanken: Das hätte der regelmäßige Besuch­er der 13 Bach­ler-Jahre auf den Münch­n­er Büh­nen gerne grif­figer, in sich kon­se­quenter und  überzeu­gen­der in den jew­eili­gen Insze­nierun­gen erlebt. Span­nend zu lesen sind die Aus­sagen der in der the­atralisch „reichen“ DDR insze­nierend aufgewach­se­nen Regis­seure wie Cas­torf oder Dresen. Ob dann ein Axel Ranisch in diese Regie-Liga gehört, ist fraglich – sein Mul­ti­me­di­ales war bis­lang kein Reingewinn.
Die „Has­sliebe zur deutschen Kul­tur“ eines Bar­rie Kosky und dann seine große kul­turelle Tour d’Horizon von Vaude­ville bis zu Bernd Alois Zim­mer­mann ragt aus dem für Opern- und Musik­the­ater­fre­unde lesenswerten Band her­aus. Und zu den in der Bach­ler-Inten­danz fehlen­den Köpfen wie Peter Kon­witschny, Lydia Steier, Ste­fan Her­heim, Claus Guth, Tobias Kratzer und ins­beson­dere Christof Loy gibt es ja zum Glück andere Veröffentlichungen.
Wolf-Dieter Peter