Péter Eötvös

Speaking Drums

Four poems for percussion solo and orchestra, Solostimme

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz
erschienen in: das Orchester 11/2019 , Seite 64

Speak­ing Drums ist der Titel eines Konz­erts für Schlagzeug und Orch­ester des 75-jähri­gen Kom­pon­is­ten, Diri­gen­ten und früheren Schlagzeugers Péter Eötvös aus dem Jahr 2013, dessen Solostimme kür­zlich als Kauf­ma­te­r­i­al beim Schott-Ver­lag in Mainz in der Rei­he „A bat­tere“ veröf­fentlicht wurde.
Mit der Kom­bi­na­tion von Stimme und Trom­mel nimmt Eötvös Bezug auf Jaz­ztra­di­tio­nen und außereu­ropäis­che Musikkul­turen, in denen entwed­er wie z.B. im West­en Afrikas die Gri­ots mit Gesang, Laute und Trom­mel die Geschichte ihrer Stämme über­liefern, oder wo, wie in Indi­en, die konkreten Melorhyth­men der Trom­mel­musik vokalisiert wer­den.
Eötvös knüpft bei Speak­ing Drums an den nicht-nar­ra­tiv­en Ansatz an, indem er den Solis­ten anfangs aus Lautgedicht­en von Sán­dor Weöres und des indis­chen Dichters Jayade­va Sil­ben und kurze Worte rez­i­tieren lässt, die im Laufe des Stücks mit perkus­siv­en Klän­gen kom­biniert und zu län­geren musikalis­chen Gebilden aus­ge­baut wer­den. Voll Vergnü­gen ein einzelnes Wort in ver­schiede­nen Melo­di­en wieder­holend und vari­ierend, so lehrt der Solist geduldig seine Instru­mente das Sprechen. Und ab einem bes­timmten Punkt plaud­ern die Trom­meln tat­säch­lich eigen­ständig: „Pa-ni-Ga-ji! Pa-ni-Ga-ji! Ku-do-Ra! Ku-do-Ra! Üü! Üü!“
Später im Werk gibt es viele Frage-und-Antwort-Spiele zwis­chen Solist und Orch­ester und irgend­wann weiß man in dem über­bor­den­den Spiel nicht mehr, wer hier eigentlich der Zauber­meis­ter und wer der Zauber­lehrling ist.
Sehr typ­isch für das fein gehörte Kom­ponieren von Peter Eötvös ist die Fülle an klan­glichen Details, die beim solis­tis­chen Part vom genau berech­neten rhyth­mis­chen Fal­l­en­lassen des Trom­melschlägels auf ein Fell bis zur aus ein­er einzi­gen Röhren­glocke gewonnenen Ober­ton­melodie reicht. Im zweit­en, mys­tischen Satz gibt es anfangs große Stimmkon­traste kom­biniert mit Glis­san­di eines auf einem Pauken­fell liegen­den Beck­ens, später koboldar­tige Ekstasen und Eska­paden, ein Duo von Trompete und Hi-Hat sowie einen kleinen Sam­ba-Tri­an­gel-Marsch. Den Abschluss der Folge einzel­ner Schlagzeugtänzchen und damit das Finale des gesamten Werks bildet ein 5/8-Schnell­tanz mit gemis­cht­en Instru­menten und laut­starkem „ház-kudo­ra-kot­ta-üü!“.
Péter Eötvös hat mit Speak­ing Drums ein sehr unter­halt­sames Stück Musik geschrieben, das seit sein­er Urauf­führung schon oft nachge­spielt wurde und bei dem jed­er Solist glänzen und sich in Impro­vi­sa­tions­freiräu­men von sein­er besten Seite zeigen kann. Die Orch­ester­be­hand­lung ist hochvir­tu­os und pro­duziert wun­der­bare Klang- und Geräuschwel­ten, die Dra­maturgie ist span­nend und abwech­slungsre­ich.
Ob es allerd­ings eine gute Idee war, die Orch­ester­schlagzeuger im drit­ten Satz zu Assis­ten­ten zu degradieren, die dem Solis­ten zu betrom­mel­nde All­t­ags­ge­gen­stände anre­ichen, ist fraglich. Man mag das als Hom­mage an Mauri­cio Kagels Duo L’art bruit von 1994/95 für einen Schlagzeuger und seinen Assis­ten­ten gel­ten lassen, kann es aber auch für einen nicht ganz so gelun­genen Witz hal­ten.
Stephan Fro­l­eyks