Johannes Brahms

Späte Liebe

José Maria Blumenschein (Violine), Cristian Suvaiala (Violine), Junichiro Murakami (Viola), Trio Chronos

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Genuin
erschienen in: das Orchester 12/2022 , Seite 69

Nicht um eine Frauengestalt han­delt es sich bei der Musik, die auf dieser CD zu find­en ist, son­dern um das Instru­ment, das sich Johannes Brahms gegen Ende seines Lebens durch den Meininger Richard Mühlfeld in seinem vielfälti­gen Aus­drucksver­mö­gen neu erschlossen hat: die Klar­inette. Von den drei Spätwerken, die ab 1891 ent­standen sind, hat Andreas Lan­gen­buch, seit 2017 Klar­inet­ten­pro­fes­sor an der Robert Schu­mann Hochschule Düs­sel­dorf, zusam­men mit dem Vio­lon­cel­lis­ten Simon Deffn­er und dem Pianis­ten Got­tlieb Wal­lisch – sie bilden das Trio Chronos – das zuerst ent­standene Trio a‑Moll op. 114 einge­spielt; außer­dem noch das Klarinetten-Quintett 
h‑Moll op. 115, in dem seine ehe­ma­li­gen WDR-Kol­le­gen, die Vio­lin­is­ten José Maria Blu­men­schein und Cris­t­ian Suya­iala, der Bratschist Junichi­ro Muraka­mi sowie Simon Deffn­er am Vio­lon­cel­lo, das Stre­ichquar­tett bilden.
Bei­de Werke gehören zum kam­mer­musikalis­chen Kern­reper­toire der Solo-Klar­inet­tis­ten und
‑Klar­inet­tistin­nen und somit liegen sehr viele Ein­spielun­gen vor, wobei die sin­nvolle Kom­bi­na­tion von
op. 114 und op. 115 die Aus­nahme bildet. Erst­mals stellt sich im Trio op. 114 das von Andreas Lan­gen­buch ini­ti­ierte Trio Chronos auf CD vor. Das Trio musiziert mit einem recht kerni­gen Gesamtk­lang von heller Grund­fär­bung. Der ­Beginn des ersten Satzes wird ­fan­tasiear­tig gespielt, doch mit der The­menüber­nahme des Klaviers dominiert das Vor­wärts­drän­gende und agogisch inten­sive Spiel des Trios. Das Grundtem­po ist sehr zügig wie auch im zweit­en Satz, einem Ada­gio, das mit sech­sein­halb Minuten die kürzeste Spiel­d­auer aller Ver­gle­ich­sauf­nah­men hat. Es lässt aber kaum Momente der Ruhe und Nach­den­klichkeit entste­hen. Auch die bei­den fol­gen­den Sätze hal­ten das Tem­po hoch und set­zen die elan­volle Inter­pre­ta­tion überzeu­gend fort, die durch eine größere Bin­nen­dif­feren­zierung im dynamis­chen Bere­ich und durch einen abtö­nungsre­icheren Klavierk­lang an kam­mer­musikalis­ch­er Sub­stanz gewin­nen könnte.
Im Klar­inet­ten­quin­tett liegen die Tem­pi ins­ge­samt auch im eher schnelleren Bere­ich, expliz­it wieder im Ada­giosatz. Andreas Lan­gen­buch bläst mit angenehm weich­er Tonge­bung und gestal­tet seinen Part gemäß der brahmss­chen Inten­tion sowohl als völ­lig in den Quin­tettsatz inte­gri­ert­er Part­ner als auch als vir­tu­os­er Solist im ungarisch gefärbten Mit­tel­teil des zweit­en Satzes. Das Stre­ichquar­tett spielt generell mit großer Inten­sität und Tonge­bung, die manch­mal zu klan­glich­er Schärfe führt und dynamis­che Fein­ab­stu­fun­gen wie auch einen dif­feren­ziert­eren Ein­satz des Vibratos ver­mis­sen lässt. Die Aus­drucksmöglichkeit­en im Sinne von „Ver­hal­tenheit, die zugle­ich Tiefe ist“ – eine Aus­sage von Ernst Bloch, die im Book­let sehr zutr­e­f­fend zitiert wird –, wer­den so nicht vol­lends ­ent­fal­tet. (Eben­falls im Book­let nicht ganz zutr­e­f­fend: die Angaben der Spiel­d­auern – diese sind bei der Werküber­sicht vertauscht.)
Herib­ert Haase