Ludwig van Beethoven

Sonaten für Klavier und Violine I und II

Urtext, hg. von Clive Brown, Partitur mit Stimme

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter
erschienen in: das Orchester 02/2021 , Seite 64

Wie kann Beethovens Musik neu und frisch für unsere Zeit ent­deckt wer­den? Im Beethoven-Jahr 2020 war diese Frage aus ver­schieden­sten Per­spek­tiv­en zu beant­worten. Doch viele Konz­erte kon­nten wegen der Coro­na-Pan­demie nicht stat­tfind­en. Warum dann nicht ein­mal ver­suchen, die Noten anders als gewohnt zu lesen? Die neue Urtext-Aus­gabe von Beethovens Vio­lin­sonat­en ermöglicht einen vom Bal­last der Jahrhun­derte freien Zugang, ganz nah am ursprünglichen Notentext.
Diese Pub­lika­tion ist allerd­ings mehr als eine reine Note­naus­gabe, was sie von der Urtex­taus­gabe des Hen­le-Ver­lags unter­schei­det. Sie ist auch ein Buch zur his­torischen Auf­führung­sprax­is bei Beethoven. Zu Beginn der bei­den Bände gibt Clive Brown einen Überblick über Aus­gaben im 19. Jahrhun­dert und beschreibt fundiert und konzis die Entste­hungs­geschichte der einzel­nen Sonat­en. Brown ver­fol­gt die für Beethoven wichti­gen Vio­lin­spiel-Tra­di­tio­nen, zeigt beispiel­sweise die Bedeu­tung des Geigers Rodolphe Kreutzer für die Entste­hung der Sonat­en von Opus 12. Brown gelingt es, den Leser so nah, wie es die Quellen ermöglichen, an das Vio­lin­spiel der Beethoven-Zeit heranzuführen.
Auf die his­torische Ein­führung fol­gt ein Essay, den jed­er Beethoven-Inter­pret lesen sollte: „Beethovens Nota­tion – zwis­chen den Zeilen gele­sen“. Brown zeigt, dass Beethovens Nota­tion nicht wortwörtlich genom­men wer­den darf, und was es damals bedeutete, nicht nur „kor­rekt“, son­dern „schön“ zu spie­len. Zu ein­er Zeit, in der Klas­sik-Musik­er vor allem auf dem Podi­um für ihre Impro­vi­sa­tio­nen bewun­dert wur­den, gab es Frei­heit­en im Umgang mit dem Noten­text, die heute nur im Jazz beste­hen. Im Anschluss erläutert Brown zahlre­iche Aspek­te der Auf­führung­sprax­is, von Tem­po, Punk­tierun­gen, Dynamik, Akzen­ten, Artiku­la­tion, Verzierun­gen bis hin zur Bogenführung.
Die Vio­lin­stimme wird zweifach geliefert, zum einen im Urtext, zum anderen ein­gerichtet mit Fin­ger­sätzen und Bogen­strichangaben gemäß Browns inten­siv­er Forschung zum Geigen­spiel der Beethoven-Zeit. Am Ende der bei­den Bände erscheint zu jedem Satz, allerd­ings nur auf Englisch, eine Über­sicht der Metronom-Angaben in späteren Aus­gaben. Diese Über­sicht zeigt, dass im Ver­lauf des 19. Jahrhun­derts ein immer langsameres Tem­po gewählt wurde.
Im Anschluss doku­men­tiert der „Crit­i­cal Report“ aus­führlich und genau Fra­gen des Her­aus­ge­bers bei unklaren Stellen in den Quellen. Wer noch genauere Infor­ma­tio­nen wün­scht, find­et diese im Per­form­ing Prac­tice Com­men­tary im Web (https://www.baerenreiter.com/shop/produkt/details/ BA9014).
Diese Aus­gabe macht musik­wis­senschaftliche Forschung trans­par­ent und nachvol­lziehbar, für die musikalis­che Prax­is im Konz­ert und für den Unter­richt nutzbar und gibt Musik­ern das Handw­erkzeug für einen direk­ten und frischen Zugang. Ein Leucht­turm-Pro­jekt des Beethoven-Jahres 2020!
Franzpeter Messmer

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