Fauré, Gabriel

Sonate Nr. 2 e-Moll op. 108

hg. von Fabian Kolb, Fingersatz der Klavierstimme von Pascal Rogé mit zusätzlicher bezeichneter Violinstimme von Ernst Schliephake, Urtext, Partitur udn Stimme

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Henle, München 2014
erschienen in: das Orchester 09/2015 , Seite 76

Schnell ist bei der Frage, warum Gabriel Fau­ré hierzu­lande so wenig gespielt wird, der Hin­weis zur Hand, er ließe sich kom­po­si­tion­s­geschichtlich nicht einord­nen. In der Tat ist sein Werk kaum spätro­man­tisch noch impres­sion­is­tisch zu nen­nen. Er ste­ht ver­mit­tel­nd zwis­chen Tra­di­tion­al­is­ten wie Saint-Saëns, seinem Lehrer, und der dama­li­gen Mod­erne, u.a. als Lehrer von Rav­el. Entsprechend der heutzu­tage sich ver­bre­i­t­en­den Ten­denz, das Schubladen­denken abzule­gen, soll­ten der­ar­tige Kat­e­gorisierun­gen nicht für ein Urteil her­hal­ten – es gilt, sich auf Fau­rés Musik einzu­lassen.
Die zweite Sonate für Vio­line und Klavier op. 108 ent­stand in der Zeit des Ersten Weltkriegs 1916/17; zwis­chen ihr und der – vor allem wegen ihres Finales – erfol­gre­ichen ersten Vio­lin­sonate in A-Dur liegen 36 Jahre. Das in der Som­mer­res­i­denz Évian und in Paris geschriebene Werk enthält drei Sätze: Auf einen umfan­gre­ichen Kopf­satz fol­gt ein Andante, ein Alle­gro non trop­po bildet das Finale.
Der erste Satz ste­ht im ungewöhn­lichen Neun-Achtel-Takt, der zudem durch häu­fige Synkopen und Lig­a­turen nicht men­su­ri­erend wirkt, son­dern ein per­ma­nentes Fließen erlaubt. Obwohl die Sonaten­form im Hin­ter­grund mitgedacht ist, teilt sie sich dem Hör­er kaum mit, da Fau­ré zwar funk­tion­al unter­schiedliche Teile kom­poniert, diese aber in vielfältig­ste Wech­sel­wirkun­gen stellt. So wirkt die Wiederkehr des zweit­en The­mas in der Durch­führung wie eine Reprise. Der eigentliche Reprisenein­tritt erscheint als Durch­führung, indem die Vio­lin­stimme im Kanon geführt und mit der Über­leitung verzah­nt wird. Trotz deut­lich­er Höhep­unk­te bleibt die Musik im Affek­t­ge­halt weit­ge­hend ein­heitlich. Die Vio­line spielt fast ohne Pause. Der Ton­satz ist schlank gehal­ten, die Vio­line ist nur lin­ear einge­set­zt, an weni­gen Stellen in Oktaven. Der Klavier­satz ist nie dick, Akko­rde erschienen stets in arpeg­gierten Fig­uren, oft klan­glich apart durch hohe Lagen.
Der zweite Satz basiert auf einem The­ma aus ein­er ver­wor­fe­nen Sin­fonie. Er begin­nt wie ein barock­er Satz, um schnell in tonal entle­gene Bere­iche zu entwe­ichen. Im drit­ten Satz wer­den die anfänglichen Synkopen zur Basis. Fau­rés Har­monik enthält eine Fülle von ungewöhn­lichen Anschlüssen, Enhar­monik und Ganztönigkeit, aber nie, um diese Mate­ri­alien auszustellen, son­dern um, wie Saint-Saëns schon bei der Besprechung der ersten Sonate for­mulierte, den Zuhör­er dazu zu brin­gen, „die ungeah­n­testen Kühn­heit­en als eine ganz nor­male Sache zu akzep­tieren“.
Das Noten­bild ist wie gewohnt sehr klar und präzise, der Her­aus­ge­ber liefert einen akribis­chen kri­tis­chen Appa­rat im Anhang. Sehr nüt­zlich ist die beige­fügte zusät­zliche Vio­lin­stimme mit spiel­prak­tis­chen Ein­trä­gen (Stricharten, Fin­ger­sätzen).
Die Kam­mer­musik gilt neben Chor­w­erken als Haupt­ge­bi­et in Fau­rés Schaf­fen. Mögen Geiger und Pianis­ten zu dieser Sonate greifen.
Chris­t­ian Kuntze-Krakau