Fauré, Gabriel

Sonate Nr. 1 A‑Dur op. 13 für Violine und Klavier

hg. von Fabian Kolb, Fingersatz der Klavierstimme von Pascal Rogé, mit zusätzlich bezeichneter Violinstimme von Igor Ozim

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Henle, München 2012
erschienen in: das Orchester 03/2013 , Seite 65

Gabriel Fau­rés erste Vio­lin­sonate ist in viel­er­lei Hin­sicht ein bemerkenswertes Werk. Es ist nicht nur das erste (voll­w­er­tige) Kam­mer­musik­w­erk des Kom­pon­is­ten und ste­ht am Beginn seines heute im Musik­leben präsen­ten Schaf­fens; es ist zudem – gemein­sam mit dem Requiem und ein paar in Instru­men­talver­sio­nen veröf­fentlicht­en Liedern – sein meist­ge­spieltes und ‑aufgenommenes Stück. Und nicht zulet­zt begrün­de­ten die vier Sätze dieser seit ihrer Urauf­führung zu Beginn des Jahres 1877 bei Inter­pre­ten wie Pub­likum unun­ter­brochen höchst beliebten Sonate den Ruhm des franzö­sis­chen Kom­pon­is­ten, der weniger durch spek­takuläre Einzele­in­fälle als durch ein im Rück­blick sehr gerun­det erscheinen­des Œuvre in Erin­nerung bleibt. Neben César Francks eben­falls in der Tonart A‑Dur ste­hen­den Vio­lin­sonate ist Fau­rés Kom­po­si­tion das Kam­mer­musik­w­erk aus dem Frankre­ich der zweit­en Hälfte des 19. Jahrhun­derts schlechthin. Wobei die schnelle Ver­bre­itung des Werks neben sein­er Eingängigkeit und ger­adezu klas­sis­chen Über­sichtlichkeit ganz gewiss auch auf dem Glücks­fall beruht, dass der Kom­pon­ist mit Bre­itkopf & Här­tel in Leipzig – wenn auch gegen Hon­o­rarverzicht – unmit­tel­bar nach Fer­tig­stel­lung bere­its einen Ver­leger fand.
Dieser Leipziger Erst­druck und ein auto­grafes Arbeits­man­uskript des Kom­pon­is­ten sind die wesentlichen Quellen für die jet­zt bei Hen­le erschienene Urtex­taus­gabe, die nicht nur mit einem über­sichtlichen und sauberen Druck­bild aufwartet, son­dern im Anhang auch zahlre­iche Anmerkun­gen zu Beze­ich­nun­gen, Quel­len­ab­we­ichun­gen und Lesarten bere­it hält. Inter­es­sant ist dabei zu sehen, wie groß ganz offen­sichtlich die Unter­schiede der zeitlich recht eng beieinan­der liegen­den Quellen sind – was ganz bes­timmt auch der Tat­sache geschuldet ist, dass Entste­hung, Druck und eine große Zahl früher Auf­führun­gen unmit­tel­bar aufeinan­der fol­gten, die Sonate also bere­its ein sehr bewegtes früh­es musikalis­ches Leben erfuhr.
Gabriel Fau­rés musikalis­ch­er Name wurde durch seine erste Vio­lin­sonate, ihren in den Eck­sätzen fast schw­erelosen Schwung und ihre instru­men­tale Klarheit ein­drucksvoll bekan­nt. Schon auf­grund der ger­adezu for­mvol­len­de­ten Behand­lung der bei­den Instru­mente kon­nte auch ein Lob vom Lehrer Fau­rés, Camille Saint-Saëns, nicht aus­bleiben. Dessen Würdi­gung zog gar kuli­nar­ische Par­al­le­len. Und dem musikalis­chen “Fein­schmeck­er” wird das in lichtem A‑Dur gehal­tene Werk, eine im Ton adäquat leichte, in der Bewe­gung vor­wärts­gerichtete Inter­pre­ta­tion voraus­ge­set­zt, auch heute noch größtes Vergnü­gen bere­it­en.
Vielle­icht führt dieses Vergnü­gen ja zu ein­er ver­stärk­ten Beschäf­ti­gung mit den übri­gen kam­mer­musikalis­chen Schöp­fun­gen Fau­rés, die nicht min­der überzeu­gend, bisweilen aber sog­ar noch etwas tief­gründi­ger ger­at­en sind.

Daniel Knödler