Ravel, Maurice

Sonate für Violine und Violoncello

Urtext, hg. von Ulrich Krämer, zusätzlich: Stimmen mit Fingersatz und Strichbezeichnung von Frank Peter Zimmermann bzw. Christian Poltéra

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Henle, München 2013
erschienen in: das Orchester 05/2014 , Seite 72

„Unzeit­gemäߓ seien seine Werke, hat­ten einzelne Zeitgenossen Mau­rice Rav­el vorge­wor­fen. Er kon­terte mit sein­er Sonate für Vio­line und Vio­lon­cel­lo, die zwis­chen 1920 und 1922 ent­stand und zwar auch nicht hun­dert­prozentig pos­i­tiv aufgenom­men wurde, sich jedoch als sehr zukun­fts­gerichtet erweist. Auch sein­er eige­nen Ein­schätzung zufolge stellte die Kom­po­si­tion, die allein wegen der Länge ihrer vier Sätze wie auch auf­grund der Art der The­men­ver­ar­beitung einen qua­si sym­phonis­chen Charak­ter besitzt, einen „Wen­depunkt“ in seinem Schaf­fen dar. Die schon durch die Instru­men­ta­tion bed­ingte Sparsamkeit des musikalis­chen Satzes, die gewagte, mitunter sehr dis­so­nante Har­monik und die von Straw­in­sky bee­in­flusste Rhyth­mik bewirken eine über­aus mod­erne Ton­sprache, bei der ganz offen­sichtlich die Lin­ear­ität der Stimm­führung im Vorder­grund ste­ht.
Bei Hen­le ist jet­zt eine Neuaus­gabe des Werks erschienen; sie basiert im Wesentlichen auf der rev­i­dierten Auflage der ersten Druck­fas­sung bei Durand (Paris) von 1922, deren Her­aus­gabe Rav­el per­sön­lich überwachte, bezieht aber auch alle anderen ver­füg­baren Quellen mit ein. Das sind zum einen der Vor­ab­druck des ersten Sonaten­satzes in ein­er Claude Debussy gewid­me­ten Son­der­num­mer der Zeitschrift La Revue musi­cale, zum anderen drei Auto­grafe der Sätze zwei bis vier. Zwei von diesen Let­zteren hat­ten Hélène Jour­dan-Morhange bzw. Mau­rice Maréchal gehört – die bei-den hat­ten das Werk gemein­sam mit Rav­el erar­beit­et und uraufge­führt –,weswe­gen sie auch entsprechende Noti­zen aus den gemein­samen Proben (Metrono­mangaben, Hin­weise zur Dynamik etc.) aufweisen. Eines diente offen­sichtlich als Stichvor­lage für die erste Druck­ver­sion. Das Auto­graf des ersten Satzes ist ver­schollen.
Die Aus­gabe von Hen­le enthält bei­de Stim­men in dop­pel­ter Aus­fer­ti­gung: Je eine präsen­tiert neue Vorschläge für Fin­ger­sätze und Strich­beze­ich­nun­gen (in der Vio­lin­stimme von Frank Peter Zim­mer­mann, für das Cel­lo von Chris­t­ian Poltéra); die andere weist „nur“ die Strich- und Sait­en­beze­ich­nun­gen aus den Quellen auf und kann benutzt wer­den, falls man sich an den mod­er­nen Anre­gun­gen nicht ori­en­tieren möchte. Die Stimme des jew­eils anderen Instru­ments wird in den Par­ti­turen stets in kleiner­er Noten­schrift wiedergegeben.
Die eine der bei­den Vio­lin­stim­men bein­hal­tet ein infor­ma­tives Vor­wort des Her­aus­ge­bers und einen aus­führlichen Kom­men­tarteil mit ein­er Auflis­tung von mut­maßlichen Druck­fehlern und deren Kor­rek­turen sowie von Zweifels­fällen, die durch Abwe­ichun­gen der Quellen untere­inan­der zus­tande kom­men; hier­bei wird auch angegeben, welch­er Lesart die Aus­gabe jew­eils fol­gt.
Wer also wis­senschaftlich fundiert „schuften“ will (so Rav­els eigene Wort­wahl in Bezug auf seine Proben mit Jour­dan-Morhange und Maréchal), um sich das Werk zu eigen zu machen, dem kann diese über­sichtliche, auf gründlich­er Recherche beruhende und von Fehlern bere­inigte Fas­sung uneingeschränkt emp­fohlen wer­den.
Julia Hartel