Edvard Grieg

Sonate F‑Dur op. 8

für Klavier und Violine, Urtext, hg. von Ernst-Günter Heinemann und Einar Steen-Nøkleberg

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Henle
erschienen in: das Orchester 7-8/2022 , Seite 64

Edvard Grieg (1843–1907) hat­te auf Anrat­en des nor­wegis­chen Geigers und Volksmusik­forsch­ers Ole Bull, dem „Pagani­ni des Nor­dens“, schon mit 15 Jahren ein Musik­studi­um am Kon­ser­va­to­ri­um in Leipzig aufgenom­men, damals eine der ersten Adressen in Europa. Mit knapp 19 Jahren schloss er sein Studi­um erfol­gre­ich ab. 1864 lernte Grieg, wieder durch Ole Bull, nor­wegis­che Volksmusik für die „hard­ingfele“ (Hardan­ger­fiedel) ken­nen und diese Musik sollte ihn bis an sein Lebensende faszinieren. Im Som­mer 1865 – er war frisch ver­heiratet – kom­ponierte er die erste von drei Sonat­en für Klavier und Vio­line, die Sonate F‑Dur op. 8. Diese wid­mete er dem deutschen Geiger August Fries – für ihn eine Art väter­lich­er Fre­und –, der seit 1842 als Konz­ert­meis­ter und Diri­gent in Bergen, dem Geburt­sort Griegs, tätig war.
Die F‑Dur-Sonate ist das erste Werk, in dem Grieg nor­wegis­che Volksmusik in ein­er klas­sis­chen Kom­po­si­tion ver­wen­det. 1865 führte Grieg die Sonate zusam­men mit einem befre­un­de­ten jun­gen Geiger in Leipzig auf, mit großem Erfolg: Das Werk wurde noch im Monat der Urauf­führung bei C.F.Peters ver­legt und auf­grund der großen Nach­frage seit­dem nahezu jährlich immer wieder neu aufgelegt. Gen­er­a­tio­nen von Geiger:innen und Pianist:innen haben aus dieser Aus­gabe gespielt. Auch Franz Liszt war von dem Werk begeis­tert. Vom zweit­en Satz der Sonate hat Grieg später eine vier­händi­ge Fas­sung für seine Frau Nina und sich ange­fer­tigt, eine Bere­icherung auch für das Klavierduo-Repertoire.
Die Sonate F‑Dur op. 8 für Klavier und Vio­line ist ein spiel­freudi­ges Werk in klas­sisch-roman­tis­ch­er Sonaten­form. Der erste Satz ist in der Sonaten­haupt­satz­form kom­poniert, der zweite – der leicht­este von den drei Sätzen – ist einem nor­wegis­chen Volk­stanz nachemp­fun­den, wie für die Hardan­ger­fiedel geschrieben, mit gut liegen­den Dop­pel­grif­f­en und Orgelpunk­ten. Ein Finale Alle­gro molto vivace beschließt die Sonate. Sie ist tech­nisch etwas ein­fach­er als Griegs spätere Vio­lin­sonat­en op. 13 und op. 45, aber nicht weniger wirkungsvoll.
Jet­zt hat der Hen­le-Ver­lag die Sonate F‑Dur op. 8 neu her­aus­gegeben. Es gibt sie erst­ma­lig mit Finger­sätzen in der Klavier­stimme, die vom Grieg-Spezial­is­ten Einar Steen-Nøk­le­berg stam­men. Auch an kleinere Hände wurde gedacht – schwie­rig zu greifende Stellen wur­den geschickt auf zwei Hände verteilt. Die Geigen­stimme ist zweifach vorhan­den: die erste Fas­sung ohne, die zweite mit Beze­ich­nun­gen des nor­wegis­chen Geigers Hen­ning Krag­gerud, der alle drei Sonat­en einge­spielt hat.
Das aus­führliche und sehr infor­ma­tive Vor­wort zur Entstehungs­geschichte und der Kri­tis­che Bericht im Anhang run­den das Ganze ab. Auch für „Jugend musiziert“ (Kat­e­gorie: Klavier und ein Stre­ichin­stru­ment, obere Mit­tel­stufe) ist die Sonate sehr gut geeignet. Bis auf einige Oktaven­stellen und Tremo­lo im schnellen Tem­po liegt die Klavier­stimme sehr gut, eben­so die Geigen­stimme. Bei­des lässt sich gut blät­tern. Es wäre wün­schenswert, wenn diese schöne Sonate wieder öfter in den Konz­ert­pro­gram­men auf­tauchen würde.
Frauke Uerlichs