Richard Strauss

Sonate F‑Dur op. 6

für Violoncello und Klavier, hg. von Peter Jost, Urtext, Partitur und Stimme

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Henle, München 2021
erschienen in: das Orchester 11/2021 , Seite 73

Was die Cel­losonate in ihrem Urzu­s­tande bet­rifft, so bin ich mit den dama­li­gen Preis­richtern ganz ein­ver­standen, ich hätte sie auch nicht gekrönt“, schrieb Richard Strauss 1886 zurückschauend an seinen Vater. Ver­mut­lich inspiri­erte ihn ein Wet­tbe­werb der Neuen Zeitschrift für Musik zur Kom­po­si­tion der Erst­fas­sung sein­er Sonate für Vio­lon­cel­lo und Klavier F‑Dur op. 6.
Auch wenn die Urauf­führung im Feb­ru­ar 1882 durch den Wid­mungsträger und Cel­lis­ten Hanus Wihan und den Pianis­ten Joseph Giehrl auf Zus­tim­mung bei Pub­likum und Presse traf, tru­gen wohl kri­tis­che Stim­men, der aus­bleibende Wet­tbe­werb­ser­folg sowie Strauss’ eigen­er selb­stkri­tis­ch­er Blick zur tief­greifend­en Revi­sion des Werks bei (vgl. Vor­wort). Dabei über­ar­beit­ete er im Win­ter 1882/83 den ersten Satz kom­plett und kom­ponierte die bei­den fol­gen­den Sätze völ­lig neu.
Ent­standen ist eine span­nende vielschichtige Sonate im roman­tis­chen Stil, die bei Cel­lis­ten zum beliebten, viel gespiel­ten Kam­mer­musikreper­toire zählt. In Anbe­tra­cht von Strauss’ jugendlichem Alter zur Zeit der Entste­hung zeugt das Werk bere­its von ein­er erstaunlichen kom­pos­i­torischen Reife, die sich unter anderem durch aus­drucksstarke und über­raschende rhyth­mis­che und har­monis­che Wen­dun­gen man­i­festiert. Der Kopf­satz Alle­gro con brio verbindet unter einem lei­den­schaftlichen Bogen mächtige Akko­rde, viele agogis­che Momente, große dynamis­che Steigerun­gen, fuge­nar­tige leise Pas­sagen und schwin­gende, lyrische Phrasen. Im Kon­trast dazu trägt das fol­gende Andante ma non tan­to mys­tis­che Züge, die in ihrer Schlichtheit und beina­he fahlen Ton­sprache aus ein­er anderen Welt zu stam­men scheinen. Nach ein­er großen drama­tis­chen Steigerung wird der langsame Satz musikalisch zurück in die geheimnisvolle Stim­mung geführt und verklingt im ppp im Nichts. Das Finale Alle­gro vivo ste­ht im pulsieren­den 6/8‑Takt und bildet durch über­bor­dende Spiel­freude im „Scherzan­do-Charak­ter“ einen vir­tu­osen und schwungvollen Abschluss der Sonate.
Der Her­aus­ge­ber Peter Jost ori­en­tiert sich in sein­er sorgfältig recher­chierten Edi­tion von Strauss’ Cel­losonate an der Erstaus­gabe mit Par­ti­tur und Stimme. Da für die zweite Fas­sung keine hand­schriftlichen Quellen über­liefert sind, dienen ihm gegebe­nen­falls die bei­den auto­grafen Nieder­schriften der ersten Fas­sung zur Klärung von Fra­gen im ersten Satz (bei gle­ichge­blieben­em Notentext).
Die hier vor­liegende Aus­gabe erscheint in bewährter Qual­ität des Hen­le-Ver­lags und überzeugt durch ein gut les­bares und über­sichtlich­es Druck­bild. Eine zusät­zliche beze­ich­nete Cel­lostimme von Johannes Moser bietet den Inter­pre­ten willkommene Inspi­ra­tion, eigene Fin­ger­sätze und Striche für die Auf­führung des Werks zu find­en. Mit Extra­seit­en zum Ausklap­pen erweist sich das Lay­out der Cel­lostimme als gut durchdacht.
Anna Catha­ri­na Nimczik