Mendelssohn Bartholdy, Felix

Sonate c-Moll

für Viola und Klavier, hg. von Ernst Herttrich, Fingersatz der Klavierstimme von Klaus Schilde, mit zusätzlich bezeichneter Violastimme von Tabea Zimmermann

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Henle, München 2011
erschienen in: das Orchester 06/2012 , Seite 65

Die kleine Sonate für Viola und Klavier c-Moll MWV Q14 bewertete der Mendelssohn-Biograf Eric Werner als das beste der unveröffentlichten frühen Kammermusikwerke. 1966 erschien die Sonate, deren Autograf im Mendelssohn-Archiv der Staatsbibliothek zu Berlin liegt, erstmalig im Rahmen der Leipziger Mendelssohn-Ausgabe, und fristete bisher trotz Eric Werners Lob ein relativ unbeachtetes Dasein.
Eigentlich ungewöhnlich, denkt man an das bekanntlich schmale klassisch-romantische Repertoire für Bratsche. Zu sehr hört man offenbar den einzelnen Teilen (und ihren Übergängen) den Novizen-Status ihres Schöpfers an. Ein noch triftigerer Grund mag der vergleichsweise hohe Schwierigkeitsgrad der Klavierstimme sein, hinter der der ambitionierte Pianist Felix Mendelssohn deutlich hervorlugt. Er steht einem gemütlichen Gelegenheitsmusizieren nach dem Kaffeetrinken schroff entgegen. Während der einigermaßen versierte Bratscher sich mit dem Stoff schnell vertraut gemacht hat, erscheint dem Blattspieler manch solistische Klavierpassage im Finalsatz doch verteufelt schwer. Hier hilft nur das Auslassen einzelner Variationen – oder eben doch: heimlich üben…
Im Überblick: Ein langsames, in der Solostimme kaum zwei Dutzend Noten zählendes Einleitungssätzchen steht am Beginn; dann plustert sich ein Allegro-Satz dramatisch auf. Einige harmonische Wendungen wirken hier ungelenk, die Proportionen der einzelnen Abschnitte sind nicht eben gut austariert. Aber ein schönes Thema lädt doch ein, dabeizubleiben, also folgt: ein Menuett (Allegro molto), und richtig – hier erfreuen einige kurzweilige Passagen, der Satz hinterlässt einen gewitzten und runden Eindruck. Ein bisschen mehr gequält haben mag sich Mendelssohn mit dem Schlusssatz: Das „Andante con Variazioni“ ist offenbar nicht bis ins Letzte geputzt worden. Krude harmonische Anschlüsse einiger Variationen fallen auf, und „zahlreiche falsche Notenwerte“ hatte der Herausgeber vor allem in einer Adagio-Variation stillschweigend zu reparieren, bevor das anschließende, durchaus virtuose Rezitativ in den furiosen Kehraus (Allegro molto) überleitet. Der schließt im Soloinstrument wenig einfallsreich mit einer Kadenz von Sechzehntelarpeggien und oktavierten Tonrepetitionen.
Die Neuausgabe des Werks hat der Musikologe Ernst Herttrich besorgt, der bis 1990 als Lektor im G. Henle Verlag arbeitete und danach bis 2006 als Editionsleiter der im Verlag erscheinenden Beethoven-Gesamtausgabe fungierte. Die Fingersätze und Strichbezeichnungen der Violastimme hat er Tabea Zimmermann überlassen. Eine Solostimme mit ihren Vorschlägen liegt ebenso bei wie ein separates unbezeichnetes Heft, das für die Musizierpraxis verzichtbar gewesen wäre. Hier verpflichtete wohl schlicht das Verlagsprofil und die Bezeichnung „Urtextausgabe“ zum Abdruck.
Martin Morgenstern