Johannes Brahms // Franz Schubert

Sonata A‑Dur op. 100 / F‑Dur op. 99 // Sonata A‑Dur D 574 op. posth. 162

Pieter Wispelwey (Violoncello), Paolo Giacometti (Klavier)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Evil Penguin Records Classic EPRC 0022
erschienen in: das Orchester 06/2017 , Seite 73

Johannes Brahms und Franz Schu­bert zählen zu Pieter Wis­pel­weys Lieblingskom­pon­is­ten. Da bei­de kein umfan­gre­ich­es Orig­i­nal­reper­toire für Vio­lon­cel­lo und Klavier hin­ter­lassen haben, arrang­iert der nieder­ländis­che Cel­list die kom­plet­ten Duos für Soloin­stru­ment und Klavier von Brahms und Schu­bert für sein eigenes Instru­ment mit Klavier. Mit der hier vor­liegen­den Ein­spielung erscheint nun bere­its der dritte Teil des Pro­jek­ts von Pieter Wis­pel­wey und Pao­lo Gia­comet­ti, sämtliche Duow­erke der bei­den Kom­pon­is­ten einzus­pie­len. Wie sicher­lich häu­fig bei Tran­skrip­tio­nen für andere Instru­mente ste­ht auch hier die Frage nach deren Berech­ti­gung im Raum. Wis­pel­wey selb­st äußert sich dazu fol­gen­der­maßen: „Angesichts der Tat­sache, dass ich nicht Geige, Bratsche, Flo¨te oder Arpeg­gione spiele, sollte ich also auf 14 Duos mein­er Lieblingskom­pon­is­ten verzichten?“
Wie groß seine Begeis­terung für die Kom­po­si­tio­nen von Brahms und Schu­bert ist, lässt ein Blick in das CD-Book­let erah­nen: Hier beschreibt der Cel­list über­aus enthu­si­astisch die Werke und kommt dabei aus dem Schwär­men nicht her­aus. Schu­berts Vio­lin­sonate D 574, ein Jugendw­erk des 20-jähri­gen Kom­pon­is­ten beispiel­sweise, charak­ter­isiert er so: „Diese unwider­stehliche Anfangsmelodie! Die Won­nen dieses Stu¨cks sind wirk­lich ohne Zahl, und alle Cel­lis­ten soll­ten es spie­len. […] wie ein lyrisch­er Bewusst­seinsstrahl. Ich ko¨nnte noch stun­den­lang von ihren Qualita¨ten schwa¨rmen, aber an diesem Punkt mo¨chte ich mich damit zufriedengeben, zu sagen, dass es unglaublich erhebend ist, diese glu¨ckselige, beru¨hrende und ener­getis­che Musik zu spielen.“
Dieser Enthu­si­as­mus ist den Inter­pre­ta­tio­nen von Wis­pel­wey und Gia­comet­ti anzuhören. Sie musizieren far­big, klangschön und find­en eine gute Bal­ance. Span­nend ist beson­ders der Ver­gle­ich von Brahms’ zwei Sonat­en – op. 99 im Orig­i­nal und op. 100 in der Tran­skrip­tion –, die bei­de fast zeit­gle­ich während
eines kreativ­en Som­mer­aufen­thalts des Kom­pon­is­ten 1886 in Thun in den Schweiz­er Alpen ent­standen sind. Die bear­beit­ete ursprüngliche Vio­lin­sonate steckt voller lyrisch­er Momente und ist von heit­erem und inspiri­eren­dem Charak­ter. Die kantablen Phrasen und die Leichtigkeit der Melo­di­en so müh­e­los klin­gen zu lassen, wie der Kom­pon­ist es sich wohl vorgestellt hat, stellt eine Her­aus­forderung für die Musik­er dar. Bisweilen geht die Leichtigkeit in der Tran­skrip­tion auf das Cel­lo lei­der etwas verloren.
Die orig­i­nale Cel­losonate op. 99 zeigt sich im Kon­trast dazu von völ­lig gegen­sät­zlichem Charak­ter. Sie strotzt vor Energie und Kraft und lebt von großen musikalis­chen Gesten und kom­pos­i­torisch­er Dichte. Der Inter­pre­ta­tion von Wis­pel­wey und Gia­comet­ti hätte hier etwas mehr Schwung nicht geschadet.
Anna Catha­ri­na Nimczik