Genzmer, Harald

Solokonzerte mit Orchester

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Thorofon CTH 2494
erschienen in: das Orchester 10/2004 , Seite 87

Har­ald Genzmer gehört zu jenen Kom­pon­is­ten des 20. Jahrhun­derts, die zwar viel gespielt wer­den, die aber kaum ein­mal im Ram­p­en­licht der Öffentlichkeit standen. Seine spiel­tech­nisch und idioma­tisch maßgeschnei­derten Werke erfreuen sich vor allem in der Aus­bil­dung anhal­tender Beliebtheit – auf dem Pro­gramm eines Sin­foniekonz­erts oder eines Klavier- bzw. Kam­mer­musik­abends wird man hinge­gen nur sel­ten den Namen Genzmer find­en (und dies selb­st bei Rar­itäten-Fes­ti­vals). Denn abseits der radikalen Ästhetik der ein­sti­gen Avant­garde blieb Har­ald Genzmer vor allem sich selb­st stilis­tisch bis heute treu (am 9. Feb­ru­ar 2004 feierte er seinen 95. Geburt­stag). Unverkennbar ist dabei die Bedeu­tung, die Paul Hin­demith (als Lehrer an der Berlin­er Musikhochschule) für ihn hat­te – sowohl was das Denken über Musik als auch das rein Handw­erk­liche ange­ht. So knüpft Genzmer musikalisch (zur groben Ori­en­tierung) bei der in 
der Math­is-Sym­phonie erre­icht­en Aus­druck­sebene an und führt diese für sich kon­se­quent unter Beto­nung konz­er­tan­ter und spielerisch­er Ele­mente fort: „Musik soll vital, kun­stvoll und ver­ständlich sein. Als prak­tik­a­bel möge sie den Inter­pre­ten für sich gewin­nen, als erfaßbar sodann den Hör­er. Das Prinzip Kom­ponieren ist auch Dienst am Menschen.“
Ein solch­es Cre­do musste den Jüngern des Seri­al­is­mus verdächtig erscheinen, und so wurde Genzmer ein unzeit­gemäßer Zeitgenosse, der trotz allem mit unge­brem­ster Schaf­fensen­ergie Werk um Werk schuf – bis hin zu einem Konz­ert für Trompete, Klavier und Orch­ester aus dem Jahre 1999.
Umso erfreulich­er ist es, dass er selb­st noch die neuer­liche Wertschätzung seines Schaf­fens erleben darf – doku­men­tiert in ein­er Rei­he von CDs mit erstrangi­gen Ein­spielun­gen beim Label Tho­ro­fon. Dies belegt auch die jüng­ste Veröf­fentlichung mit drei Konz­erten für Klavier (1948), Orgel (1970) und Schlagzeug (1978) – jew­eils mit Solis­ten, die schon über Jahre mit dem jew­eili­gen Werk ver­traut sind. Durch­weg sind es die Kraft der the­ma­tis­chen Erfind­ung, der gän­zlich unsen­ti­men­tale und damit alles andere als vorder­gründi­ge Aus­druck, die kon­tra­punk­tisch aus­gestal­tete Tex­tur und das kor-
respondierende Stim­menge­flecht, die immer wieder neu (und auch nach mehrma­ligem Hören) verblüf­fen. Wirk­lich vir­tu­ose Pas­sagen um ihrer selb­st willen sucht man im anspruchsvollen Klavierkonz­ert eben­so vergebens wie bloße Klangza­ubereien im Schlagzeugkonz­ert, in dem der Solist vielmehr in die gesamte Par­ti­tur als „primus inter pares“ einge­bun­den ist. Umso bedauer­lich­er ist es, dass auf­nah­me­tech­nisch der Solopart gegenüber dem 
bestens disponierten Orch­ester zwar in bewährter Weise, jedoch den Werken nach dur­chaus unzuläs­sig in den akustis­chen Vorder­grund gerückt wurde.
 
Michael Kube