Gustave Vogt

Solo de Concert pour le Cor anglais

avec accompagnement à Grand Orchestre (Konzert für Englischhorn und großes Orchester), hg. von Michel Rosset, Klavierauszug

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Edition Walhall
erschienen in: das Orchester 9/2022 , Seite 65

Konz­erte für Englis­chhorn sind rar – wie über­haupt Konz­erte für Holzblasin­stru­mente und Orch­ester seit Mitte des 19. Jahrhun­derts nach der hohen Zeit im Barock eher sel­ten sind. Aber auch hin­ter diesem Konz­ert steckt indes ein Fragezeichen.
Der Her­aus­ge­ber Michel Ros­set, Pro­fes­sor seines Zeichens und selb­st lange Zeit aktiv­er Solo-Oboist und Englis­chhor­nist beim Sin­fonieorch­ester St. Gallen, ent­deck­te zunächst die Notiz eines 1830 ent­stande­nen Konz­erts für Englis­chhorn und Orch­ester aus der Fed­er des dama­li­gen Pro­fes­sors für Oboe am Paris­er Con­ser­va­toire, Gus­tave Vogt (1781–1870), und zwar in der berühmten Biogra­phie uni­verselle des musi­ciens des franzö­sis­chen Musikhis­torik­ers François-Joseph Fétis aus dem Jahre 1866. Von dem Konz­ert soll sich jedoch lediglich das Ada­gio erhal­ten haben, welch­es die Paris­er Bib­lio­thèque Nation­al auf­be­wahrt. Dieser langsame Satz ist aber iden­tisch mit Vogts später ent­standen­em und auch öffentlich aufge­führtem 2. Oboenkonzert.
Ros­set fand es daher dur­chaus plau­si­bel, dass Vogt nun nicht nur das Ada­gio, son­dern das gesamte Englis­chhornkonz­ert für Oboe über­tra­gen hätte, was ja dur­chaus denkbar ist. Und so fand er es legit­im, „eine voll­ständi­ge Englis­chhorn-Ver­sion zu rekon­stru­ieren, in dem er lediglich den ersten und let­zten Satz des 2. Oboenkonz­erts für die in der Tenor­lage spie­lende Oboe zurück­transponieren musste.“ Die ver­schiede­nen, eben­falls in der Paris­er Nationalbib­liothek liegen­den Manuskripte dien­ten somit zur Rekon­struk­tion, so Michel Ros­set in dem dreis­prachi­gen Vor­wort. Das Stück hat­te Vogt einst sicher­lich auch für sich selb­st geschrieben, es spiegelt gle­ichzeit­ig seinen Leis­tungs­stand wider.
Die Orig­inal­tonart F‑Dur ist bewusst gewählt, sodass das Englis­chhorn als transponieren­des Instru­ment in F keine Vorze­ichen in diesem nicht ger­ade leicht zu spie­len­den Konz­ert hat. Die Kom­po­si­tion hat ihre tech­nis­chen Tück­en und rhyth­mischen Raf­fi­nessen: Während der Kopf­satz des dreisätzi­gen, jedoch mit „attacca“-Hinweisen durchge­hend zu spie­len­den Werks sich für den Solis­ten geschmei­dig anfühlt und mit seinen geläu­fi­gen Sechzehn­teln für frische Momente sorgt, ist der in fließen­dem Achtel­metrum bewegte Ada­gio-cantabile-Satz mit seinen teils ver­schränk­ten Zweiund­dreißig­s­tel- und Vierund­sechzig­s­tel-Noten mit inte­gri­erten Dop­pelschlag­fig­uren etwas für vir­tu­ose Fein­schmeck­er. Teils sind diese wie ein Rez­i­ta­tiv oder eine kleinere Kadenz „ad libi­tum“ über Liegetö­nen gehal­ten, teils aber auch im Rhyth­mus des Klaviers eingebunden.
Das Finale ist ein für jene Zeit häu­figer Satz im spanis­chen Bolero-Rhyth­mus – in D‑Dur bzw. A‑Dur für das Englis­chhorn – mit seinen typ­is­chen Tri­olierun­gen und einem ruhi­gen und schön kantablen Mit­tel­teil in der Moll­par­al­lele mit anschließen­der Rück­kehr zum marsch­mäßigen Bolero.
Das als Erstaus­gabe veröf­fentlichte Konz­ert wäre für den Konz­ert­saal eine willkommene Bereicherung.
Wern­er Bodendorff