Werke von Jommelli, Mozart, Traetta udn anderen

Sol nascente. Italienische Koloratur-Arien

Charlotte Schäfer (Sopran), Neue Düsseldorfer Hofmusik, Ltg. Michael Preiser

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Ars Produktion ARS 38 187
erschienen in: das Orchester 06/2016 , Seite 70

Nicht sel­ten suche ich verge­blich nach ein­er plau­si­blen Erk­lärung dafür, warum bis­lang unveröf­fentliche Stücke aus Barock oder Frühk­las­sik unbe­d­ingt aus der Versenkung geholt wer­den müssen. Doch die auf dieser CD zu Gehör gebracht­en Werke über­raschen pos­i­tiv. Sie zeigen nicht nur die Liebe zum bis­lang Unent­deck­ten, die Lei­den­schaft für das musikalis­che Aus­graben, die Sorgfalt bei der Recherche und der anschließen­den Gestal­tung, son­dern auch die Stücke an sich ver­di­enen es, dass sie aus ihrem Dorn­röschen­schlaf geweckt wor­den sind. Sie glitzern wie polierte Dia­man­ten und sprühen vor Lebens­freude, wen­ngle­ich den­noch die drei Titel des jun­gen Mozart meine per­sön­lichen Favoriten bleiben. Ein Grund hier­für mag sein, dass es Mozart war, der die Sopranistin Char­lotte Schäfer schon seit ihrer Kind­heit inspiri­erte, Sän­gerin zu wer­den, und hier noch mehr Hingabe spür­bar wird.
Neben Mozart inter­pretiert die junge Sopranistin, die ihre Gesangsaus­bil­dung 2011 an der Folk­wang Uni­ver­sität der Kün­ste been­dete und sich anschließend entschei­dende Impulse beim Coun­tertenor Mar­tin Wölfel holte, auf dieser Erstein­spielung ital­ienis­che Kolorat­u­rarien von Nic­colò Jom­mel­li, Tom­ma­so Traet­ta, Giuseppe Sar­ti und Nic­colò Pic­cin­ni. Die meis­ten Kom­po­si­tio­nen stam­men aus der zweit­en Hälfte des 18. Jahrhun­derts und ste­hen somit musikalisch an der Schwelle zu einem Zeital­ter, das sich zugun­sten größer­er Natür­lichkeit von teil­weise über­bor­den­den barock­en Affek­ten ver­ab­schiedet. Im Zen­trum ste­ht nun der „vernün­ftige“ Sänger, der sich bewusst ein­er aus­gek­lügel­ten Tech­nik und eines wohlka­lkulierten Aus­drucks bedi­ent, um die tech­nis­chen Anforderun­gen der vir­tu­osen Arien meis­ten zu können.
Sen­si­bel bis tem­pera­mentvoll begleit­et von der Neuen Düs­sel­dor­fer Hof­musik unter Michael Preis­er scheint Char­lotte Schäfers glock­en­rein­er, manch­mal angenehm schlichter, knaben­hafter Sopran wie geschaf­fen für diese Art der Gesangskun­st: leicht­füßig und vol­lkom­men unmanieriert gleit­et sie mitunter fast schwebend über die hals­berecherischen Koloraturkaskaden, in denen einzelne Perlen feingeschlif­f­en funkeln. Gezielt weiß sie ihr Vibra­to je nach Gefühlslage zu por­tion­ieren, und nur die aller­höch­sten Spitzen­töne fall­en manch­mal als etwas schrill und eng aus dem Rah­men. Die Rei­hen­folge der Arien steigert sich bin­nen 60 Minuten dra­matur­gisch von eher ver­hal­ten bis zu einem Feuer­w­erk an Wild­heit und Glamour.
Auch das Book­let zeigt, wie sehr dem kleinen Team um Schäfer das gemein­same Pro­jekt am Herzen lag: Es informiert über den all­ge­meinen musikgeschichtlichen Hin­ter­grund und über jede einzelne Arie, deren Texte mit Über­set­zung abge­druckt sind, illus­tri­ert mit Fotos der Sän­gerin. Die Musik­wis­senschaft­lerin und Dra­matur­gin Chris­tine Lauter hat­te im Vor­feld Hand­schriften von rund 300 in Vergessen­heit ger­ate­nen Arien von frühen Mozart-Zeitgenossen zusam­mengestellt und aus diesen anschließend aus­gewählt. Auf­nah­meleit­er wurde Robert Keil­bar, den die Sop­ranistin zu Stu­dien­zeit­en ken­nen­lernte, und Michael Preis­er, der mehrere auf der CD einge­spielte Arien neu edi­tierte, ließ schlussendlich in Musik fließen, was zuvor monate­lang minu­tiös erar­beit­et wor­den war.
Kathrin Feldmann