Peter Schleuning

So könnte es gewesen sein — Musikergeschichten

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Olms
erschienen in: das Orchester 01/2018 , Seite 60

Beim „Don­nerblitzbub“ bzw. „Amadeus“ wird vielle­icht manch­er das Buch zuerst auf­schla­gen, sofern er sich nicht entschließt, diese eben­so hochw­er­tige wie gut ver­ständliche Musik­erüber­sicht chro­nol­o­gisch zu lesen, deren Vorteil es ist, dass man die Lek­türe begin­nen kann, wo man mag. Das „Wolferl“ gibt natür­lich viel her, primär für den, der ger­ade von Salzburg zurück­gekehrt ist, wo er, da in der Getrei­de­gasse wohnend, sowohl dem Geburts- als auch dem Ster­be­haus des Genies ganz nahe war. Mozart bewegt erstaunlicher­weise nach wie vor die Massen, ein Phänomen, das nicht bei allzu vie­len Kom­pon­is­ten zu beobacht­en ist und das möglicher­weise mit Miloš For­mans Film von 1984 begann. Amadeus war ein sen­sa­tioneller Erfolg, weil er Abschied nahm von der ehrfurchtsvollen Annäherung an ein Genie, son­dern es so zu zeigen ver­suchte, wie es sich sein­erzeit den Zeitgenossen präsen­tiert haben soll. Doku­mente dazu gibt es reich­lich (Bäslebriefe).In der gut les­baren Neuer­schei­n­ung wid­met sich Peter Schle­un­ing aber nicht nur dem Wun­derkind, das er mit einem fik­tiv­en Dia­log aus dem Jahr 1788 und zahlre­ichen Zitat­en (die authen­tis­chen sind kur­siv gedruckt) würdigt, son­dern begin­nt seine Auswahl von fünf Kom­pon­is­ten, die alle Inno­v­a­tiv-Außergewöhn­lich­es leis­teten, bei Johann
Sebas­t­ian Bach, der bei einem eventuellen „Rank­ing“ zweifel­los den ersten Platz ver­di­ent. Bei Bach beschränkt sich der Autor auf dessen Zeit in Köthen und greift dabei zum Mit­tel eines (fik­tiv­en) Dialogs, während er das Kapi­tel über dessen Sohn Carl Philipp Emanuel Bach
als „Freye Fan­tasie“ definiert und damit dem Leser viel gedanklichen Spiel­raum zugesteht.Der Autor gibt sein­er lesenswerten, eben­so infor­ma­tiv­en wie anre­gend geschriebe­nen Pub­lika­tion den absich­ern­den Titel So kön­nte es gewe­sen sein. Das ist ein geschick­ter Schachzug, den jed­er akzep­tiert, denn wer ist schon dabei gewe­sen, als Mozart starb und Tode­sangst ihn schreck­te, Bach sich mit seinen Par­ti­turen die Augen blind­schrieb oder Beethoven seine von ihm dirigierten Werke nicht mehr hören kon­nte?
Peter Schle­un­ing, der schon vor drei Jahren mit sein­er Pub­lika­tion Vom Kaf­fee­haus zum Fürsten­hof – Johann Sebas­t­ian Bachs Weltliche Kan­tat­en her­vor­trat, kurbelt auch jet­zt wieder die Vorstel­lungskraft der Musik­fre­unde an und ent­führt sie in ver­traut klin­gende Musik­wel­ten, die zeitlich fern und dabei nah zugle­ich sind – auf­grund der Unsterblichkeit ihrer Kompositionen.Dies trifft nicht nur auf das Salzburg­er Wun­derkind zu, son­dern auch auf die vier weit­eren von ihm aus­gewählten Ton­set­zer, auf Johann Sebas­t­ian Bach, seinen Ver­wandten Carl Philipp Emanuel Bach, auf Lud­wig van Beethoven und Fan­ny Hensel. Schle­un­ing ver­sucht dabei nicht, die Biografien nachzuze­ich­nen, son­dern wid­met sich bes­timmten Einze­laspek­ten, die für die jew­eilige Per­sön­lichkeit prä­gend waren. Das ist ein tre­f­flich­er Schachzug, der nichts ver­spricht, was nicht einge­hal­ten wer­den kann. Von Fan­ny Hensel wur­den zum Beispiel ihre zehn postu­men Briefe an Brud­er Felix aufgenom­men.
Hei­de Seele