Werke von Schostakowitsch, Afanassjew und Glière

Slavic Soul

Oberton String Octet

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Ars Produktion ARS 38 305
erschienen in: das Orchester 09/2020 , Seite 94

Roman­tik­er wie Louis Spohr oder Joachim Raff und manche ihrer Zeitgenossen und Nach­fahren hat­ten Freude daran, durch Ver­dop­pelung der Beset­zung Stre­ichquar­tet­ten mehr Klangfülle und Far­bigkeit zu ver­lei­hen – ein Nach­hall der mehrchöri­gen Renais­sance- Musik und bere­ich­ernd für die Gat­tung, dem nicht allzu viel Res­o­nanz beschieden war.
Solchen Rar­itäten aber hat sich das Ober­ton String Octet ver­schrieben; sie sind ein gern genutzter Tum­melplatz für die acht jun­gen Musik­er, die hier nach Herzenslust in wech­sel­nden Kon­stel­la­tio­nen ihre Kün­ste vor­führen kön­nen: Stre­ichquar­tet­ten der Klas­sik und Roman­tik ver­lei­hen sie eine ungeah­nte, fein abges­timmte Inten­sität und Wirkung. Als klein­er Stre­icher­chor tra­gen sie geistliche Barock­musik vor. Für einen heißen Tan­go und die unter­halt­samen Gen­res sind sie eben­so zu haben wie sie der Folk­lore viel­er Län­der zu Leibe rück­en oder bei den Aben­teuern der Mod­erne dabei sind. 2015 auf Anhieb in seinem Heimat­land Öster­re­ich Kult gewor­den, sorgt das spiel­freudi­ge Ensem­ble sei­ther auch in der inter­na­tionalen Musik­szene für Furore. Und auf sein­er neuen CD öffnet es sich ganz und gar der „Slaw­is­chen Seele“ – klangschön, herz­er­wär­mend, ent­deck­ungsre­ich…
Zwei Stücke für Stre­i­chok­tett op. 11 hat Dmitrij Schostakow­itsch in den Jahren 1924/25 kom­poniert – gle­ichzeit­ig mit sein­er ful­mi­nan­ten 1. Sin­fonie. Orig­inell konzip­iert und kon­trastre­ich ver­woben, präsen­tiert die Satz­folge Pre­lude – Scher­zo den Geniestre­ich eines Neun­zehn­jähri­gen auf dem Weg zur Königs­diszi­plin des Stre­ichquar­tetts, die er mit 15 bedeu­ten­den Beiträ­gen bere­ich­ern wird.
Vier Jahrzehnte zuvor hat­te sich Niko­lai Afanass­jew zu den his­torischen Wurzeln der Gat­tung eines „Stre­ichquar­tetts mal zwei“ begeben. Doch sein 1875 veröf­fentlicht­es Dop­pelquar­tett D-Dur blieb nicht nur den alten Vor­bildern treu – der konz­ertierende Dia­log zweier Grup­pen fügt auch neue Ele­mente in die schwel­gerische Klang­welt ein. Eine meis­ter­hafte Instru­men­ta­tion und der Rück­griff auf rus­sis­che Volk­sweisen, raf­finierte Echowirkun­gen und ein opti­mistisch beschwingter Grund­ton verbinden die vier Sätze zu einem ein­fall­sre­ichen und ein­drucksvollen Ganzen. Und auch das dritte Werk erweist sich als ein Gewinn fürs Reper­toire: Rein­hold Glière, der hochgeachtete Lehrer ein­er ganzen Gen­er­a­tion rus­sis­ch­er Musik­er und ein bedeu­ten­der, heutzu­tage viel zu wenig beachteter Kom­pon­ist, schrieb sein Stre­i­chok­tett D-Dur op. 5 um 1900. Wiederum besticht die Musik durch die wun­der­bare Syn­these von her­rlich­er Melodik und konzen­tri­ert­er the­ma­tis­ch­er Arbeit sowie durch eine weiträu­mige, vielgestaltige Aus­druck­swelt, die mit ihrem Elan und lebendi­gen Kon­trasten, mit lodern­dem Tem­pera­ment und zarter Melan­cholie fasziniert.
Und vor allem hier, in dieser blühen­den Far­ben­pracht, kann das Oktett sein opu­lentes Ensem­ble­spiel voll ent­fal­ten und mit bravourösen Soli glänzen. Ein Auftritt, dessen Exk­lu­siv­ität das attrak­tive Book­let und die her­vor­ra­gende Ein­spielung im Super-Audio-For­mat noch unter­stre­ichen.

Eber­hard Kneipel