Helmut Well

Skala – Akkord – Funktion

Theoriegeschichtliche und satztechnische Aspekte der Klangorganisation vom 16. bis zum 18. Jahrhundert

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Olms
erschienen in: das Orchester 05/2020 , Seite 64

Musik­the­o­rie gilt vie­len bis heute als prax­is­fern und als Spiel­wiese für eine kleine Schar von Spezial­is­ten. Dabei liefert sie doch die wichtig­sten Voraus­set­zun­gen für das Ver­ständ­nis musikhis­torisch­er Abläufe und Verän­derun­gen. Hel­mut Well zeich­net in seinen Betra­ch­tun­gen diese wichtige Phase der europäis­chen Musikgeschichte anhand der im Laufe von rund 200 Jahren ent­stande­nen the­o­retis­chen Arbeit­en minu­tiös nach. In den drei Ter­mi­ni seines Titels beschreibt er zugle­ich den Gang der Musik­the­o­rie von dem aus früher­er Zeit über­liefer­ten „hor­i­zon­tal­en“ Sys­tem der kirchen­tonartlichen Modi über den mehr und mehr in Betra­cht genomme­nen Aspekt der „ver­tikalen“ Gle­ichzeit­igkeit bis hin zu deren Abstrak­tion in der von Rameau begrün­de­ten Funk­tion­al­ität der Akko­rde in einem größeren Satz­zusam­men­hang. Viele der frühen The­o­retik­er waren zwar auch Kom­pon­is­ten, doch erst mit Jean-Philippe Rameau trat ein­er der besten Musikschöpfer sein­er Zeit auf den Plan, um auch die The­o­rie auf ein ganz neues Fun­da­ment zu stellen.
Im ein­lei­t­en­den „his­torischen Rah­men“ seines Buchs stellt Well denn auch dessen Leis­tung als The­o­retik­er beson­ders her­aus, und anhand des Überblicks über die genan­nten zwei Jahrhun­derte hebt er Rameau gle­ich­sam als Ziel- und Angelpunkt ein­er Entwick­lung her­vor, die sich bis zur Gegen­wart hin fort­ge­set­zt hat. Über den Abriss der his­torischen Entwick­lung der The­o­rie hin­aus liefert Well auch eine gro­ße Anzahl von prak­tis­chen Beispie­len zu deren Ver­i­fizierung in Musik­w­erken der jew­eili­gen Epoche.
In einem umfan­gre­ichen Anhang, der rund ein Vier­tel des Ban­des aus­macht, sind Beispiele aus dem Schaf­fen namhafter Kom­pon­is­ten wiedergegeben. Aus­führlich betra­chtet der Autor die Fugen-Beant­wor­tung, was von Froberg­er über Pachel­bel, Wer­ck­meis­ter und Matthe­son bis zu J.S. Bach ver­fol­gt wird, denn ger­ade hier wird die Ver­schiebung der Betra­ch­tungsweise im Laufe der Zeit nur zu deut­lich.
In ein­er Rei­he von „Werk­be­tra­ch­tun­gen“ exem­pli­fiziert Well seine the­o­retis­chen Erken­nt­nisse auch anhand von Musik­beispie­len und ver­sucht hier­mit das Vorurteil zu entkräften, The­o­rie und Prax­is klafften stets auseinan­der. Die große Aus­nahme war und bleibt wohl bis heute Rameau, der eben­so genial als The­o­retik­er wie als Kom­pon­ist war.
Im Rah­men des mit „Voraus­set­zun­gen“ über­schriebe­nen Anfangskapi­tels wird deut­lich, dass sich Well stark an den Noten­tex­ten ori­en­tiert, was so weit geht, dass er das Vorkom­men von „kleinem“ und „großem“ Ganz­ton, die sich zur reinen Terz ergänzen, für die Prax­is in Abrede stellt, wiewohl ger­ade diese Dif­ferenz für einen „sauberen“ har­monis­chen Zusam­men­klang von großer Wichtigkeit ist (der Ditonus besitzt im übri­gen das Schwingungsver­hält­nis 81/64 und nicht, wie angegeben, 81/80). Doch dies schmälert nicht den Wert dieser ins­ge­samt bewun­dern­swerten Arbeit, die vom Leser allerd­ings
viel Fach­wis­sen ver­langt und keineswegs als ein­fache Lek­türe ange­se­hen wer­den kann.
Gunter Duven­beck