Weber, Carl Maria von

Six Sonates progressives

für Violine und Klavier WeV P.6, Heft 1, hg. von Claudia Theis, Spielpraktische Einrichtung: Volker Worlitzsch, Partitur und Stimme

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz
erschienen in: das Orchester 09/2016 , Seite 60

Von den sehr zahlre­ichen Werken Carl Maria von Webers haben es nur wenige ins Reper­toire geschafft. Zu den weni­gen Inter­pre­ten, die sich für seine Konz­ert- und Kam­mer­musik stark machen, gehört z.B. Isabelle Faust, die eine Auf­nahme aller sechs Vio­lin­sonat­en vor­leg­te. Diese tru­gen früher die Opuszahl 10 bzw. 11, erschienen in zwei Samm­lun­gen, deren erste, drei Sonat­en umfassende, das vor­liegende, auf die Gesam­taus­gabe zurück­ge­hende Heft bildet. Weber kom­ponierte sie 1810 als Auf­tragswerk für den Musikver­lag André, der sie als zu an­spruchsvoll ablehnte. Dabei schwang ver­mut­lich die Frage der Ver­mark­tungschance dieser Stücke für ein gehobenes bürg­er­lich­es Laien­mu­si­zie­ren mit.
Die Sonat­en sind kurz, ihre Spiel­d­auer liegt bei je unter zehn Minuten. Die erste in F‑Dur begin­nt mit einem Alle­gro, in dem die Sonaten­form sehr knapp aus­ge­führt wird. Die anschließende Romanze hat in der Bear­beitung Fritz Kreislers eini­gen Ruhm erlangt, im Orch­ester­arrange­ment David Gar­retts auch zweifel­haften. Im Gegen­satz dazu sieht das Orig­i­nal die Verteilung der melodis­chen Abschnitte auf bei­de Instru­mente vor, klan­glich aus­gedün­nt. Ungewöhn­lich sind die Ver­wen­dung der Moll-Sub­dom­i­nante im The­menkopf und die Auswe­ichung in die Moll­par­al­lele. Das The­ma des abschließen­den Ron­dos wird allein vom Tas­tenin­stru­ment vor­ge­tra­gen. Dieses ist ursprünglich als Cem­ba­lo benan­nt, real­isiert wur­den die Sätze zeit­genös­sisch sich­er auf dem Ham­merklavier.
In der G‑Dur-Sonate wartet Weber mit folk­loris­tis­chen Ele­menten auf. Der begin­nende „Carat­tere Espag­n­uo­lo“ begin­nt irri­tieren­der­weise im Mazur­ka-Rhyth­mus, ehe sich dann ein Paso doble durch­set­zt. Das Ron­do-Finale ist eine Pol­ka, sehr volk­stüm­lich und ein­fach gehal­ten, auch mit der nöti­gen Derb­heit. Dazwis­chen ste­ht wie ein Fremd­kör­p­er ein dreis­tim­miges kon­tra­punk­tis­ches Ada­gio, bei dem die Vio­line auss­chließlich beglei­t­ende Achtel auszuführen hat. Es wird anfänglich das Spiel auf der G‑Saite emp­fohlen. Über­haupt sind die Artikulations‑, Dynamik‑, Stricharten- und Fin­ger­satzbeze­ich­nun­gen in der Vio­lin­stimme sehr nüt­zlich, da im Auto­graf hierzu nur wenig Angaben zu find­en sind.
Die dritte Sonate ist die avancierteste, sie ist nur zweisätzig. Einem Air russe in d‑Moll, dessen The­ma die ungle­ich­mäßige Gliederung von 3+3+5 Tak­ten aufweist, fol­gt ein keck­es Presto in D‑Dur, hier scheint am ehesten die Frühro­man­tik auf. Zumeist bleibt Weber recht sparsam in den Mit­teln, fast an Frühk­las­sik erin­nernd, in der drit­ten Sonate nutzt er roman­tis­che Har­monik.
Die drei Sonat­en sind leicht bis mit­telschw­er, die let­zte erfordert einige Fin­ger­fer­tigkeit. Der Vio­lin­part geht sel­ten über die 1. Lage hin­aus, jedoch sind die Anforderun­gen an die Bogen­tech­nik nicht zu unter­schätzen. Das Vor­wort enthält einen Entste­hungs- und einen Edi­tions­bericht, liefert jedoch wenig zur Auf­führung­sprax­is und der musikhis­torischen Einord­nung. Diese Sonat­en sind für etwas fort­geschrit­tene Musikschüler gut spiel­bar, sie haben dur­chaus einen Unter­hal­tungswert.
Chris­t­ian Kuntze-Krakau