Ofer Waldman

Singularkollektiv

Erzählungen

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Wallstein, Göttingen
erschienen in: das Orchester 5/2024 , Seite 65

Der eigentlich paradoxe Titel Singularkollektiv umbeschreibt den Beruf des Orchestermusikers ziemlich zutreffend. Man spielt als einzelnes Individuum ein Orchester-
instrument, aber ohne seine Mitmusiker:innen kann man als großes Kollektiv, als Orchester nicht in Erscheinung treten. Und so muss sich jeder Einzelne im Kollektiv eines Orchesters stets bewähren, anpassen und sich dabei immer auch ein wenig zurücknehmen. Der Autor Ofer Waldman hat während seiner Laufbahn als Orchestermusiker erkannt, „dass aus dem dünnen Spalt zwischen der Einsamkeit des Übungsraums und der Anonymität der Orchesterreihen Fantasien, Beobachtungen, gesellschaftliche Aphorismen erscheinen“.
Der Autor kann aus Erfahrung sprechen, er war selbst Orchestermusiker u. a. im Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, im Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und beim Israel Philharmonic Orchestra. Der ehemalige Hornist ist nach vielen Jahren aus dem Orchesterleben ausgestiegen und arbeitet jetzt als Journalist. 2021 wurde er mit dem Deutschen Hörspielpreis der ARD ausgezeichnet. In seinem Buch erinnert er sich an seine Orchesterzeit – mit Erzählungen aus dem Innenleben eines Orchesters, auf authentische und humorvolle Art erzählt. Auf Wunsch seiner Frau ist er zurück nach Haifa (Israel) gezogen, doch erste Lesungen musste er absagen – wegen der Angriffe der Hamas kann Waldman derzeit nicht nach Deutschland kommen. Zu den aktuellen Geschehnissen in Israel passt auch ein Kapitel in seinem Buch, das die Geschichte aus dem Gaza-Krieg im Jahr 2014 erzählt, bei der ein Trompeter mit seinem Orchester mehrmals ein Konzert unterbrechen muss, weil Raketenangriffe der Hamas es notwendig machen, dass Orchester und Publikum in Schutzbunker flüchten.
Aber auch seine Erzählungen aus dem Innenleben eines Orchesters sind eindrücklich: Da gibt es die Geigerin, die so tut, als ob sie spielt, der abgelehnte Posaunist, der um die Gunst eines neuen Generalmusikdirektors bangt. Der schlechte Cellist, der an seinem Cello wie ein Schiffbrüchiger hängt, der verspätete Geiger, auf den nicht gewartet wird. Zudem beschreibt der Autor die Scheinrealität einer Generalprobe und die ungewöhnlichen Instrumente, die es nicht in den Orchesterkanon geschafft haben. Figuren und Momente werden aufgezeigt, die der Orchesterwelt entstammen, aus dieser gleichzeitig herausragen als menschliche, gesellschaftliche Kommentare. Das künstlerische Schaffen eines Orchestermusikers wird oft verklärt, der Autor zeigt mit seinem Buch, dass Musik machen auch harte Arbeit ist, aus der dann Kunst entstehen kann. Ein Orchester ist somit wie eine Lupe, durch die man auf das Menschliche schauen kann. Als Metapher können die Erzählungen allgemein menschlich gelten.
Mano Eßwein