Joseph Lauber

Sinfonien Nr. 1 und 2

Sinfonie Orchester Biel Solothurn, Ltg. Kaspar Zehnder

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Schweizer Fonogramm
erschienen in: das Orchester 06/2021 , Seite 70

Joseph Lauber wurde 1864, im gle­ichen Jahr wie Richard Strauss, geboren, und über­lebte ihn drei Jahre, als er 1952 in Genf starb. Im Schweiz­er Musik­leben war Lauber eine bekan­nte Größe als Pro­fes­sor für Klavier in Zürich (1899–1901) und später in Genf, wo er Klavier, Orches­tra­tion und ab 1927 Kom­po­si­tion unter­richtete. Dort wurde Frank Mar­tin zu seinem berühmtesten Schüler. Für drei Jahre war Lauber auch Chefdiri­gent des Grand Théa­tre in Genf, und er gehörte zu den Grün­dungsmit­gliedern der schweiz­erischen Musikervereinigung.
Als Kom­pon­ist hin­ter­ließ er ein vielfältiges Œuvre, darunter Lieder, Chöre – oft für Laien gedacht und von solchen aufge­führt –, vier Büh­nen­werke, sechs Sin­fonien, vier sin­fonis­che Dich­tun­gen und sieben Orch­ester­suit­en sowie etliche Solo-Konz­erte u.a. für Klavier, Vio­line, Flöte, Kon­tra­bass, Fagott, Harfe und Oboe. Dazu kom­men einige kam­mer­musikalis­che Werke. Seine Aus­bil­dung hat­te er in Zürich, später bei Joseph Rhein­berg­er in München und auch in Paris u.a. bei Jules Massenet genossen. Das The­ma „Schweiz“, so urteilt das Lexikon Musik in Geschichte und Gegen­wart, sei in seinen Werken allerorten vorhan­den. Lauber, der in sein­er Kam­mer­musik auch Anre­gun­gen von Debussy aufge­grif­f­en hat­te, lehnte anson­sten zeit­genös­sis­che Strö­mungen ab.
Nun kann man mit der Erstein­spielung der Sin­fonien 1 (1895) und 2 (1896) Joseph Lauber als Orch­esterkom­pon­is­ten ken­nen ler­nen. Die Auf­nah­men stam­men aus dem Juni 2020 mit dem Sin­fonie Orch­ester Biel Solothurn unter Leitung von dessen Chefdiri­gen­ten Kas­par Zehn­der in Bern.
Joseph Lauber schreibt – wie zu hören ist – inter­es­sante Werke – flüs­sig, mit echt schweiz­erisch-alpen­ländis­chen Anklän­gen (Hörn­er in der ersten Sin­fonie.) Die Musik wirkt struk­turell nicht über die Maßen ver­rät­selt, sie hat melodis­che Anklänge an franzö­sis­che Ele­ganz, der Orch­ester­satz wirkt durch eine Fülle von inter­es­san­ten Neben­stim­men aufge­lock­ert, ohne zu dicht gewebt zu sein. Und dass Lauber auch instru­men­tieren kon­nte, hört man an den delikat­en (und gut gespiel­ten) Pas­sagen der Holzbläser.
Wenn das Etikett „spätro­man­tisch“ die Werke von Richard Strauss oder Gus­tav Mahler meint, passt das auf die Musik von Joseph Lauber nicht. Seine Musik klingt eher nach dem tra­di­tionellen 19. Jahrhun­dert. Die Beset­zung der Sin­fonien gehen über zweifach­es Holz, vier Hörn­er, zwei Trompe­ten, drei Posaunen und Pauke nicht hin­aus, was man aber nur auf einem Bild von ein­er Auf­nahme­sitzung im Book­let findet.
Das Sin­fonie Orch­ester Biel Solothurn unter Kas­par Zehn­der klingt frisch, spiel­freudig und klar. Die Auf­nahme ist ins­ge­samt etwas bläser­lastig ger­at­en, was vielle­icht an der rel­a­tiv kleinen Stre­icherbe­set­zung, mit der die Sin­fonien aufgenom­men wur­den, liegen kann. Ein lesenswertes Book­let mit einem Artikel von Manuel Bärtsch, in dem auch Noti­zen zu der offen­bar sehr audio­philen Mikro­phonierung nicht zu kurz kom­men, run­det die hörenswerte CD-Neuer­schei­n­ung ab.
Ger­not Wojnarowicz