Ludwig van Beethoven/ Michael Gotthard Fischer

Sinfonie Nr. 6 „Pastorale“

Arrangement für Streichsextett, revidierte Neuausgabe, Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Ikuro Edition
erschienen in: das Orchester 1/2022 , Seite 70

Kom­pon­is­ten mussten bis zur Erfind­ung von Schallplat­te und Rund­funk ganz schön flex­i­bel sein, um ihre Werke einem größeren ­Pub­likum bekan­nt zu machen. Selb­stor­gan­isierte (und finanziell ver­ant­wortete) Konz­erte und von eigen­er Hand ange­fer­tigte Klavier­auszüge waren die Mit­tel der Wahl, Arrange­ments für ver­schiedene Kam­mer­musikbe­set­zun­gen vom vier­händi­gen Klavier bis hin zum Vio­lin-Klavier-Duo oder Stre­ichquar­tett waren zudem bestens geeignet, inter­es­san­ten Nach­schub für häus­liche Musik­abende sicherzustellen.
Natür­lich wurde aber auch arrang­iert, um wichtige Kom­po­si­tio­nen in verän­dert­er Beset­zung an anderen Orten als ursprünglich vorge­se­hen auf­führen zu kön­nen. So existieren Arrange­ments von zahlre­ichen Mozartopern für Har­moniemusik, die für Freiluftan­lässe gedacht waren. Etwas anders ver­hält es sich bei der vor­liegen­den, von Michael Got­thard Fis­ch­er erstell­ten Bear­beitung von Beethovens „Pas­torale“ für Stre­ich­sex­tett. Die Beset­zung aus zwei Vio­li­nen, zwei Bratschen und zwei Cel­li war zur Zeit der Entste­hung zwei Jahre nach der Urauf­führung der Sech­sten dur­chaus ungewöhn­lich. Doch Fis­ch­ers Wahl genau dieser sechs Instru­mente überzeugt auf ganz­er Lin­ie und die Bear­beitung darf für sich den Rang eines eige­nen Kunst­werks in Anspruch nehmen.
Beethovens „Pas­torale“ ist über weite Streck­en fil­igran und kam­mer­musikalisch gedacht, da passt der durch­sichtige Stre­icherk­lang vortr­e­f­flich. Ein halbes Dutzend Instru­mente sind zudem in der Lage, eine gute dynamis­che Band­bre­ite abzu­bilden und ein dicht­es Tonge­flecht zu tra­gen. Aus­re­ichend Stim­men sind außer­dem vorhan­den, um das eine oder andere Solo wie vor einem Orch­ester­hin­ter­grund wirken zu lassen. Was die For­tis­si­mo-Aus­brüche und das berühmte Gewit­ter bet­rifft, set­zt Fis­ch­er – der 1773 nahe Erfurt geborene Enkelschüler von Johann Sebas­t­ian Bach – dage­gen auf die Direk­theit ein­er Kam­mer­musik­for­ma­tion, die mit inten­siv­en Ton­rep­e­ti­tio­nen in einem ver­gle­ich­sweise kleinen Saal vielle­icht eine ähn­liche Vehe­menz erzie­len kann wie ein großes Orch­ester auf ein­er phil­har­monis­chen Bühne.
Liest man in der Par­ti­tur und den Stim­men dieser Fis­ch­er-Bear­beitung von 1810, gewin­nt man den Ein­druck eines eigen­ständi­gen, groß­for­mati­gen Kam­mer­musik­w­erks, das trotz der im Noten­text vorhan­de­nen Hin­weise auf die ursprünglichen Bläser­soli ganz auf das Stre­icherensem­ble zugeschnit­ten ist. Michael Got­thard Fis­ch­ers handw­erk­lich und musikalisch ­exzel­lentes Arrange­ment kann sich sehen und hören lassen und stellt eine wun­der­bare Bere­icherung der Lit­er­atur für Sex­tett dar – eine ­Beset­zung, die in den ver­gan­genen zwei­hun­dert Jahren viel zu sel­ten gespielt wurde.
Daniel Knödler