Ludwig van Beethoven, Dmitri Schostakowitsch

Sinfonie Nr. 5

Dresdner Philharmonie, Ltg. Michael Sanderling

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Sony Music
erschienen in: das Orchester 12/2018 , Seite 72

In einem aktuellen Aufnahmeprojekt mit der Dresdner Philharmonie kombiniert Michael Sanderling die Sinfonien Beethovens mit ausgewählten Schostakowitsch-Sinfonien. Dies mag auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen, ist jedoch so sinnfrei nicht: Verfassten nicht beide Komponisten in ihren Sinfonien „Volksreden an die Menschheit“? Das betrifft insbesondere die beiden Sinfonien, die auf der aktuellsten Folge vereint sind: die jeweilige Nummer fünf der beiden Meister.
Bei Beethoven agiert das Orchester klanglich so, wie es heute bei der Interpretation klassischer und frühromantischer Werke allgemein üblich ist: mit wenig Vibrato und lebhafter Akzentsetzung, die Pauken spielen mit harten Schlegeln. Die Spielkultur der Dresdner Philharmonie vermag durchaus zu beeindrucken – aber etwas wirklich Neues haben Dirigent und Orchester damit nicht zu bieten. Mit ähnlichen Ingredienzien wussten zum Beispiel Paavo Järvi und die Kammerphilharmonie Bremen mindestens ebenso zu überzeugen. Hinzu kommt, dass Sanderling die Musik quasi mit gebremstem Schaum präsentiert. Es ist alles sauber artikuliert und formal stimmig zusammengefasst, doch wo bleibt beispielsweise die enorme Dramatik, ja geradezu Wut, von der das einleitende Allegro con brio geprägt sein sollte?
Es ist nicht allein das von Sanderling gewählte gemäßigte Tempo, das diesen Satz nicht richtig zünden lässt. Dem Dirigenten kommt es hier ohrenscheinlich eher auf eine zuverlässige Wiedergabe des Notentexts an als auf eine Hörbarmachung des emotionalen Gehalts. Weit besser gelingt die souveräne und fließende Interpretation des zweiten Satzes, und Sanderling bietet einen schönen Spannungsaufbau in der Überleitung vom Scherzo zum Finale. Doch letztlich wirkt diese Deutung zu sachlich und unbeteiligt – das Werk wird eher referiert als durchlebt.
Ein völlig anderes Bild eröffnet sich in Schostakowitschs Fünfter: Trotz tendenziell zurückhaltender Tempi gelingt es Dirigent und Orchester hier, zum Kern der Partitur vorzudringen, wobei es vor allem die Passagen sind, in denen die Musik sich im äußersten Pianissimo entweder in den Äther zurückzieht oder Kräfte sammelt für neue Entwicklungen. Umso stärker gewinnen dann die konfliktreichen Entwicklungen Bedeutung – nicht zuletzt die packend interpretierte Durchführung des ersten Satzes. Es ist Sanderling auch hoch anzurechnen, dass er in der Final-Coda nicht etwa, wie viele Dirigenten dies tun, das Tempo anzieht und so auf ein Happy End hinsteuert, das es in dieser Musik nicht gibt, sondern bis zum Schluss langsam und bedrohlich bleibt – mit geradezu schmerzhaften Repetitionen auf dem Ton a. Das Ende wirkt dann wahrlich zermalmend, wie es sein sollte.
Insgesamt also eine etwas zwiespältige Veröffentlichung, doch allein aufgrund des mitreißenden Schostakowitschs durchaus lohnend.
Thomas Schulz