Slonimsky, Sergei

Sinfonie Nr. 32

Partitur, Leihmaterial

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Verlag Neue Musik, Berlin 2012,
erschienen in: das Orchester 05/2013 , Seite 69

In St. Peters­burg, der Heimat­stadt Sergei Slonim­skys (*1932), kann man seinen Sin­fonien im Konzertleben dur­chaus begeg­nen, während sie hierzu­lande weit­ge­hend unbekan­nt sind. Dabei ist die jüng­ste Sin­fonie von 2011 ein Werk, das auf­grund sein­er leicht­en Ein­studier­barkeit und Kürze auch auf dem Pro­gram­mzettel eines Sin­foniekonz­erts erscheinen kön­nte, das den Mut zu Neuem hat, ohne den Hör­er zu ver­schreck­en oder intellek­tuell zu über­fordern.
Zu Beginn des ersten Satzes, mit der Beze­ich­nung Alle­gro mar­ca­to, wird der Hör­er zwar mit ein­er dis­so­nanzgesät­tigten, rhyth­misch vib­ri­eren­den Blech­bläser­at­tacke kon­fron­tiert, die dann in den Holzbläsern abgemildert aufge­grif­f­en und in rhyth­mis­che Einze­limpulse aufgelöst wird. Über ein­er qua­si tremolieren­den Stre­icherk­langfläche erscheint als motivis­ches Ele­ment ein viertöniges Horn­mo­tiv, dem ein aufge­lock­ertes rhyth­mis­ches Wech­sel­spiel mit Tri­olen und Sechzehn­tel­grup­pen in ständi­ger Auf-und-ab-Bewe­gung sowie reg­is­ter­ar­tige Klang­wech­sel fol­gen. Nach einem schar­fen Flat­terzun­gen-Akko­rd klingt der Satz nach gut drei Minuten mit der die Har­monik des Satzes kon­sti­tu­ieren­den großen Sep­time in den Röhren­glock­en aus. Unmit­tel­bar darauf fol­gt ein Lento, in dem vom Fagott eine folk­loris­tisch anmu­tende, schlichte Drei-Ton-Melodie intoniert wird. Wirkungsvoll wer­den jet­zt Mikroin­t­er­valle einge­set­zt, die Slonim­sky von seinen Stu­di­en rus­sis­ch­er Bauern­musik her ver­traut sind. In diesem Satz dominieren aus­drucksvolle Kan­tile­nen der Holzbläs­er und die dif­feren­ziert kam­mer­musikalisch gestal­tenden Stre­ich­er, bis in der Mitte des Satzes Hörn­er­fan­faren zum dynamis­chen Höhep­unkt führen, der aber nach einem Tuba-Solo, das die Fagott-Melodie des Anfangs auf­greift, wieder zurück­ge­führt wird. Für die Solo-Flöte hält dieser Satz noch eine beson­dere Her­aus­forderung bere­it: An zwei Stellen wird zum instru­men­tal­en Solo gle­ichzeit­iges Sin­gen (im Quintver­hält­nis) gefordert.
Nach diesem etwa acht­minüti­gen Satz fol­gt als Schlusssatz ein Presto, das mit seinen fast durchgängi­gen Sechzehn­tel­läufen auf über­wiegend modaler Basis einen hek­tis­chen Ein­druck macht. In naht­losem Wech­sel durch die ver­schiede­nen Instru­mente fol­gen im 5/4‑Takt kurze dia­tonis­che Sechzehn­tel­grup­pen, gegen die ein tri­olis­ches Motiv, das an das Horn-Motiv des ersten Satzes erin­nert, geset­zt wird. Eine Klavierkadenz ver­weist auf die Idee des Impro­visatorischen, das im Schlussteil der Sin­fonie in den Holzbläsern durch freie rhyth­mis­che Struk­turen die Ober­hand gewin­nt. Effek­tvoll geht der Satz nach einem Stre­ich­er-Clus­ter mit der ins Hym­nis­che gesteigerten tri­olis­chen Horn-Fan­fare dem Ende ent­ge­gen, das schließlich mit einem ful­mi­nan­ten C erre­icht ist.
Slonim­sky gestal­tet seine 32. Sin­fonie mit sparsamen und ein­fachen kom­pos­i­torischen Mit­teln, die aber genü­gend Poten­zial zum großen Orch­esterk­lang in sich tra­gen. Das Werk kann dur­chaus auch von einem
ambi­tion­ierten Jugendsin­fonieorch­ester bewältigt wer­den.
Die Par­ti­tur ist gut les­bar gedruckt; im Anhang fehlt allerd­ings die deutsche Über­set­zung der rus­sis­chen Anmerkun­gen.
Herib­ert Haase