Sergej Rachmaninow

Sinfonie Nr. 3

Dortmunder Philharmoniker, Ltg. Gabriel Feltz

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Dreyer Gaido
erschienen in: das Orchester 06/2018 , Seite 69

Nach der 1. Sin­fonie von Sergej Rach­mani­now nah­men die Dort­munder Phil­har­moniker unter der Leitung ihres Chefdiri­gen­ten Gabriel Feltz im Mai 2017 nun auch die eben­falls sehr sel­ten gespielte 3. Sin­fonie a-Moll op. 44 des damals bere­its geal­terten Rach­mani­now auf, die er 62-jährig erst 1935, etwa 30 Jahre nach sein­er zweit­en, begonnen hat­te.
Dass er über­haupt noch eine Sin­fonie schrieb, ist schon ver­wun­der­lich, wo er doch nach sein­er Emi­gra­tion im Novem­ber 1917 in die USA beschlossen hat­te, auss­chließlich als Pianist tätig zu sein und dies auch erfol­gre­ich war. So ges­tand er frus­tri­ert kurz vor der Nieder­schrift sein­er let­zten Sin­fonie in einem Inter­view: „Als ich aus Ruß­land weg­fuhr, ver­lor ich den Wun­sch zu kom­ponieren. Indem ich die Heimat ver­lor, ver­lor ich mich selb­st.“ Den­noch fing er nach län­ger­er Pause wieder an zu kom­ponieren, zunächst die pop­ulär gewor­dene “Rhap­sodie über ein The­ma von Pagani­ni”, an die sich bald die Sin­fonie anschloss. Vielle­icht auch eine Eige­nart manch rus­sis­ch­er Kom­pon­is­ten, ger­ade nur drei Sin­fonien kom­ponieren zu wollen? Alexan­der Borodin, Niko­lai Rim­skij-Kor­sakow und Alexan­der Skr­jabin sind hier­für promi­nente Beispiele.
Wie die Zweite ist diese Dritte sehr far­ben­re­ich instru­men­tiert und wie mit weichem Pin­sel­strich gemalt. Impres­sion­is­tis­che Züge und recht deut-liche Anklänge an das Bal­lett “Daph­nis et Chloé” von Mau­rice Rav­el sind im Mit­tel­teil des langsamen Satzes eben­so zu hören wie im Final­satz weit­ere Anklänge und zahlre­iche Selb­stz­i­tate Rach­mani­nows bis in seine Jugendzeit. In dieser schein­bar gedanken­ver­lore­nen Rück- und Rund­schau, diesen kom­pos­i­torischen Selb­st­be­tra­ch­tun­gen und Reflex­io­nen glaubt der Hör­er Atmo­sphärisches aus dem frühen Einak­ter “Francesca da Rim­i­ni” zu vernehmen. Außer­dem zitiert Rach­mani­now manch­es aus sein­er zweit­en Sin­fonie, aus jen­er Rhap­sodie, und nimmt bere­its sog­ar einiges aus seinen später kom­ponierten “Sin­fonis­chen Tänzen” op. 45 vor­weg.
Die Rei­he der Auf­nah­men der Drit­ten ist rel­a­tiv über­sichtlich, aber es gibt eine frühe, die der Kom­pon­ist noch selb­st mit dem Philadel­phia Orches­tra einge­spielt hat, die bis­lang trotz Schel­lack-Rauschen und Mono­fonie als Ref­eren­za­uf­nahme galt. Auf­fäl­lig sind auf den ersten Blick die Tem­pi, die Feltz – wie bere­its in der 1. Sin­fonie – eher gelassen­er, umsichtiger ange­ht. Kommt vor­liegende Auf­nahme auf eine gute Dreivier­tel­stunde, so dirigierte Rach­mani­now doch eher kom­pakt mit rascheren Tem­pi, wom­it er auf knappe 36 Minuten kam. Allein der Kopf­satz mit dem Volk­slied-The­ma ist schon etwa fünf Minuten länger, wobei in der vorzüglichen Ein­spielung mit den Dort­mundern die Musik endlich prächtig zum Atmen kommt.
Daran, wie detail­ver­liebt und fein, akku­rat, fil­igran und trans­par­ent Feltz die kom­plexe Struk­tur, die Erin­nerungs­the­men und vielschichtige Instru­men­ta­tion mit den Soli her­ausar­beit­et, hört man, wie sehr er Rach-mani­nows Musik liebt. Das Orch­ester set­zt die Par­ti­tur mit beherzter wie inten­siv­er Lei­den­schaft auf sehr hohem kün­st­lerischem Niveau um.
Wern­er Boden­dorff