Zimmermann, Bernd Alois

Sinfonie in einem Satz (1. Fassung) / Giostra Genovese / Konzert für Streichorchester / Musique pour les soupers du roi Ubu

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Wergo WER 7340 2
erschienen in: das Orchester 01/2017 , Seite 66

Allein die Orig­i­nalver­sion von Bernd Alois Zim­mer­manns Sin­fonie (1951), deren Manuskript Peter Hirsch aufge­spürt und sein­er Erstein­spielung zugrunde gelegt hat, macht diese Plat­te zum Ereig­nis. Auch Gios­tra Gen­ovese (1962) erlebt eine CD-Pre­miere. Und zusam­men bieten die vier Werke eine beein­druck­ende Sicht auf das Schaf­fen Zim­mer­manns: von den neok­las­sizis­tis­chen Anfän­gen über den freien Umgang mit der Dodeka­fonie und die eigen­willige Adap­tion alter Tänze bis hin zur total­en Zitat­mon­tage. Diesen vielfälti­gen Klang­wel­ten ver­lei­ht Hirsch gemein­sam mit dem exzel­len­ten WDR Sin­fonieorch­ester eine unglaubliche Fasz­i­na­tion. Ihr Auftritt hochemo­tion­al und aus­drucksstark, bril­lant, luzid und her­rlich ver­spielt; das Hör-Erleb­nis ungewöhn­lich pack­end…
Sein „plu­ral­is­tis­ches Kom­ponieren“ und die „Kugelgestalt der Zeit“ hat Bernd Alois Zim­mer­mann mit einem schö­nen Bild beschrieben: „Die ‚unvorstell­bare‘, aber nichts­destoweniger wirk­same Vorstel­lung von Zeit als Kugelgestalt (ist sozusagen) ein Ball in der Hand eines Kindes. So fliegt der Ball zwis­chen dem Jet­zt und dem Damals hin und her, und viele Anspielun­gen begleit­en das fed­ernde Hin und Zurück: Präsenz und Repräsenz, ‚banchet­to mu­sicale‘ gle­ichzeit­ig im Heute und Vorgestern.“ Er meint damit seine Mon­tage von Tänzen ver­schieden­er Meis­ter des 16. und 17. Jahrhun­derts, die Bal­lettsuite Gios­tra Gen­ovese für kleines Orch­ester, mit der er keine „frag­würdi­ge his­torische Authen­tiz­ität“ erre­ichen, son­dern die Art und Weise seines Inter­ess­es an den Vor­la­gen zeigen wollte. Doch seine Meth­ode von Col­lage und Décol­lage in einem Stück „nur für Gourmets“ ging über die Köpfe hin­weg.
Das war vier Jahre später bei Musique pour les soupers du Roi Ubu, einem „Bal­let noir en sept par­ties et une entrée“, nicht mehr der Fall. Die­se Col­lage, grundiert von den alten Tänzen, voll­gepackt mit Zitat­en aus der gesamten Musikhis­to­rie, einger­ahmt vom Dies-irae-Motiv und überdies ein Geschenk an die Ber-
lin­er Akademie der Kün­ste, gebar nicht nur eines der orig­inell­sten und pro­vokan­testen Stücke der Neuen Musik, die Farce wurde überdies zum makabren und mah­nen­den Sin­ngedicht. „Das Kind wurde erwach­sen, der Ball ist kein Spielzeug mehr. Und aus dem Spiel ist bit­ter­er Ernst gewor­den“, so Peter Hirsch in Anlehnung an Zim­mer­manns Bild.
Der musikan­tis­che Impe­tus und das herbe Idiom des (Bartók-bee­in­flussten) Konz­erts für Stre­i­chorch­ester (1948) wirken spür­bar zeit­gemäß. Aus der Zeit her­aus fällt indes die Sin­fonie (1951) durch ihre immense (Straw­in­sky-nahe) Aus­drucks- und Klangge­walt samt wilder Orgel-Attack­en. Erst am Werk­ende wird das Aus­gangs­ma­te­r­i­al zur The­mengestalt, nach­dem es zuvor dem häu­fi­gen Wech­sel von rei­henge­bun­de­nen und rei­hen­freien Abschnit­ten, von Klang-Mys­tik, Melodiebö­gen und Marschges­tus aus­ge­set­zt war. Die Neu­fas­sung von 1953 (Sin­fonie in einem Satz) hat dann das Erup­tive und Rhap­sodis­che des Orig­i­nals geglät­tet und geord­net. Dessen Ursprünglichkeit aber imponiert nach wie vor!
Eber­hard Kneipel