Haydn, Joseph

Sinfonie in d

"Lamentazione" Hob. 1:26, hg. von Andreas Friesenhagen/ Christin Heitmann, Urtext der Joseph-Haydn-Gesamtausgabe, Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2009
erschienen in: das Orchester 09/2015 , Seite 72

Bere­its die d-Moll-Tonart und der unruhige Rhyth­mus in Synkopen­ket­ten beweisen: Der Anfang aus Joseph Haydns Sin­fonie Nr. 26 „Lamen­tazione“ deutet sog­ar auf Mozarts d-Moll-Klavierkonz­ert. Mehr ins Gewicht fällt jedoch der sakrale Grund­ton, der auch andere Instru­men­tal­w­erke des „Wiener Klas­sik­ers“ prägt wie etwa die spätere c-Moll-Sin­fonie Nr. 78.
Her­aus­ge­ber Andreas Friesen­hagen von Köl­ner Haydn-Insti­tut erk­lärt im Vor­wort dieser Urtext- Einze­laus­gabe des Bären­re­it­er-Ver­lags, dass in den bei­den ersten Sätzen dieser Sin­fonie zwei Choralmelo­di­en aus der Kar­fre­itagsli­turgie eingear­beit­et sind. Die Nähe zum kirch­lichen Umfeld ist also konkret greif­bar, und offen­bar han­delt es sich bei dieser Sin­fonie sog­ar um eine spätere Zusam­men­stel­lung einzel­ner, zunächst im Gottes­di­enst aufge­führter Instru­men­tal­sätze. Für Orch­ester und Ver­anstal­ter mag dieses Werk daher die ide­ale Ergänzung eines Pro­gramms in der Fas­ten­zeit sein, vielle­icht sog­ar in Kom­bi­na­tion mit Vokalmusik.
Tonal passt das Werk als „Ouvertüre“ etwa zu Mozarts Requiem, das natür­lich wesentlich umfan­gre­ich­er beset­zt ist. Instru­men­tiert ist die Sin­fonie mit der für die Entste­hungszeit der späten 1760er Jahre üblichen Kom­bi­na­tion aus zwei Oboen, zwei Hörn­ern und Stre­ich­ern. Die untere Bassstimme kann außer mit Vio­lon­cel­li und Kon­tra­bass auch noch mit
zusät­zlichem Fagott ver­stärkt wer­den.
Ein mitzir­pen­des Cem­ba­lo ist aber in dieser wie bei den meis­ten anderen Haydn-Sin­fonien nicht vorge­se­hen. Viele Inter­pre­ten hält das freilich nicht davon ab, das Tas­tenin­stru­ment immer wieder einzuset­zen. Die so genan­nte Alte-Musik-Szene ist nicht immer so „his­torisch informiert“ wie sie gerne wäre. Auch in diesen Musik­erkreisen haben sich falsche Tra­di­tio­nen eingeschlichen. Hier wären neben selb­stkri­tis­ch­er Reflex­ion ein viel enger­er Aus­tausch mit Musik­wis­senschaftlern nötig und auch wün­schenswert.
Haydns Sin­fonie Nr. 26 „Lamen­tazione“ ver­fügt über einen raschen und rel­a­tiv knap­pen „Alle­gro assai con spirito“-Kopfsatz (in Sonaten­satz­form) mit Dur-Schluss. Das etwas län­gere Ada­gio F-Dur (auch hier wählt Haydn die Sonaten­satz­form) enthält ein Oboen­so­lo (mit Unter­stützung der zweit­en Geigen) und eine fil­igran gear­beit­ete Gegen­stimme der ersten Vio­li­nen. Der musikalis­che Charak­ter des Satzes ähnelt zudem den Sieben let­zten Worten, dieses Ada­gio klingt fast wie eine Studie dazu. Ein Menuett bildet den Schluss, in frühen Sin­fonien des 18. Jahrhun­derts nicht ungewöhn­lich. Darin wird der Haupt­teil in d-Moll von einem Trio in D-Dur abgelöst – wom­it eine schöne Par­al­lele zum Kopf­satz entste­ht. So formt sich ein außergewöhn­lich­er Dreisätzer, der nicht zulet­zt durch seinen ern­sten und erhabenen Ton besticht.
Mit allen einge­tra­ge­nen Wieder­hol­un­gen dauert das Werk knapp zwanzig Minuten. Die pub­lizierte Par­ti­tur entspricht dem Abdruck in der Haydn-Gesam­taus­gabe, in der sich auch ein Kri­tis­ch­er Bericht find­et.
Matthias Corvin