Hans Winterberg

Sinfonia drammatica/ Piano Concerto No. 1/ Rhythmophonie

Jonathan Powell (Klavier), ­Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Ltg. Johannes Kalitzke

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Capriccio
erschienen in: das Orchester 11/2022 , Seite 70

Man kann das Schick­sal des Kom­pon­is­ten Hans Win­ter­berg (1901–1991) mit den Worten des Pianis­ten Jonathan Pow­ell dur­chaus als „Sym­bol für die Schwierigkeit­en des 20. Jahrhun­derts“ charakterisieren.
Win­ter­berg, in Prag als Sohn ein­er deutschsprachi­gen jüdis­chen Fam­i­lie geboren, der fast zufäl­lig tschechis­ch­er Staats­bürg­er wurde, eine katholis­che Frau heiratete und das Ghet­to There­sien­stadt über­lebte, fol­gte nach 1945 sein­er Frau und Tochter, die aus der Tsche­choslowakei ver­trieben wur­den, nach München. Er verbindet höchst unter­schiedliche musikalis­che Ein­flüsse, die von Janáček und der Prager Musik der 1920er Jahre eben­so wie der Schön­berg-Schule und deren Expres­siv­ität, aber auch von einem beson­deren Inter­esse an kom­plex­er Rhyth­mik geprägt ist, die im Laufe seines Kom­pon­is­ten­lebens immer präg­nan­ter wurde. Eine vom Diri­gen­ten und Kom­pon­is­ten Johannes Kalitzke und dem Rund­funk-Sin­fonieorch­ester Berlin einge­spielte CD präsen­tiert nun drei ein­drucksvolle Kom­po­si­tio­nen von Win­ter­berg, die das vielfältige musikalis­che Poten­zial des weit­ge­hend Vergesse­nen unterstreichen.
Die kom­pak­te Sin­fo­nia dram­mat­i­ca, 1936 ent­standen, lässt in dun­kler Expres­siv­ität das kom­mende Welt-Infer­no auf­scheinen, ist aber auch von Ein­flüssen der tschechis­chen Musik geprägt; Win­ter­berg studierte bei Alois Hába, zu seinen Kom­mili­to­nen gehörte beispiel­sweise Gideon Klein.
Das 1948 geschriebene Klavierkonz­ert ist eines der ersten in Deutsch­land kom­ponierten Werke der Nachkriegszeit, die Hans Win­ter­berg als Jude, dessen Fam­i­lie zu großen Teilen von den Nation­al­sozial­is­ten ermordet wurde, para­dox­er­weise in ein­er sude­tendeutsch geprägten Umge­bung nahe München erlebte. Der englis­che Pianist und Kom­pon­ist Jonathan Pow­ell, der sich stets für musikalis­che Außen­seit­er einge­set­zt hat, ist dank sein­er sou­verä­nen Tech­nik und der genauen Ken­nt­nis der Klavier­musik der ersten Hälfte des 20. Jahrhun­derts ein nahezu ide­al­er Inter­pret des kom­pak­ten Konz­erts. Dessen dun­kle Klang­far­ben bleiben auch im vir­tu­os-toc­caten­haften Finale im Vorder­grund. Die rhyth­mis­che Präg­nanz der Musik kommt bei Pow­ell und Kalitzke stets zum Tragen.
Eine Auf­führung sein­er Rhyth­mo­phonie für Orch­ester (1966/67) erlebte Win­ter­berg nie. Das aus­ladend­ste Werk auf dieser hörenswerten CD ist von Polyrhyth­mik und Poly­tonal­ität geprägt und stellt beachtliche Anforderung an seine Interpret:innen. Da ist Kalitzke der richtige Mann am Pult des Berlin­er Orch­esters, der mit ord­nen­der Hand die vie­len gegen­sät­zlichen Aus­drucks- und Stilmit­tel der Musik zu einem großen Ganzen verbindet. Der im lesenswerten Book­let gezo­gene Ver­gle­ich zu Béla ­Bartóks Wun­der­barem Man­darin ist nicht nur der rhyth­mis­chen Kraft und Aggres­siv­ität der Musik mit ihrem hohen Schlag­w­erkan­teil geschuldet.
Thomas Weiss