Gioacchino Rossini

Sigismondo

Hera Hyesang Park, Marianna Pizzolato, Rachel Kelly, Kenneth Tarver, Gavan Ring, Guido Loconsolo, Chor des Bayerischen Rundfunks, Münchner Rundfunkorchester, Ltg. Keri-Lynn Wilson

Rubrik: CDs
Verlag/Label: BR Klassik
erschienen in: das Orchester 01/2020 , Seite 71

Der fik­tive pol­nis­che König Sigis­mon­do hat seine Frau Aldimi­ra zum Tode verurteilt, nach­dem er sie auf­grund ein­er Intrige seines Pre­mier­min­is­ters Ladis­lao für untreu hielt. Gepeinigt von Gewis­sens­bis­sen, lei­det er unter Wah­n­vorstel­lun­gen.
Wie so oft bei Gioacchi­no Rossi­ni, bleibt es auch in sein­er 1814 im Gran Teatro La Fenice in Venedig uraufge­führten Oper Sigis­mon­do bewusst unklar, ob dieses Dram­ma per musi­ca nun eine ern­ste oder eine komis­che Oper ist: Die Hand­lung ist tragisch, doch auf die Buf­fo-Tra­di­tion ver­weisen die Beset­zung des Chors auss­chließlich mit Her­ren, der heit­ere Grund­ton und nicht zulet­zt das (auf­fal­l­end knappe) Hap­py End. Bei der Urauf­führung war es wohl nur der Höflichkeit der Venezian­er zu danken, dass sie ihre Langeweile nicht über­mäßig zur Schau stell­ten. Wahrschein­lich erwarteten sie eher so etwas wie Rossi­nis Oper Tan­cre­di, die ein Jahr zuvor an gle­ich­er Stelle ein großer Erfolg gewe­sen war – nur nutzte der Meis­ter seinen Stil dies­mal nicht für erhabenen Klas­sizis­mus wie in der Voltaire-Oper, son­dern in der oft absurd über­dreht­en Vari­ante, um die innere Zer­ris­senheit der Fig­uren zu zeigen. Außer­dem gibt es in Sigis­mon­do keinen Ohrwurm wie die erste Arie des Tan­cre­di „Di tan­ti pal­pi­ti“.
Dafür find­en wir hier ein dur­chaus indi­vidu­elles Klang­bild, etwa in Details der Instru­men­tierung: So kennze­ich­nen je zwei Englis­chhörn­er und Pic­coloflöten in Aldimi­ras Auftrittsarie ihr Ver­steck in ländlich­er Idylle am Wal­drand als einen Ort der Unschuld und Rein­heit, die Kon­tra­bässe in Zen­ovi­tos einzigem Solo machen mit ihren dunkel getön­ten, anfangs etwas behäbi­gen Ein­wür­fen klar, dass es dieser väter­liche Fre­und war, der Aldimi­ra nach ihrer Verurteilung durch Sigis­mon­do in seine Obhut genom­men hat­te.
Dieser Mitschnitt ein­er konz­er­tan­ten Auf­führung vom Okto­ber des Rossi­ni-Jahres 2018 (zum 150. Todestag des Kom­pon­is­ten) im Münch­n­er Prinzre­gen­tenthe­ater beweist, dass diese heutzu­tage kaum bekan­nte Oper zu den zumin­d­est musikalisch besten Werken von Rossi­ni zählt.
Gesun­gen wird durch­weg vorzüglich, allen voran von Mar­i­an­na Piz­zo­la­to als Sigis­mon­do mit feinsin­nigem Mez­zoso­pran. Erwäh­nt wer­den müssen wenig­stens noch Hera Hye­sang Park als san­fte Sopran-Aldimi­ra und der Tenor Ken­neth Tarv­er als strahlen­der Schurke Ladis­lao.
Das Münch­n­er Rund­funko­rch­ester spielt hellwach, klar und far­ben­re­ich. Als Quell der Spiel­freude wirkt auch Olga Watts am Ham­merklavier in den Sec­co-Rez­i­ta­tiv­en. Die junge Diri­gentin Keri-Lynn Wil­son präsen­tiert die geistvolle Par­ti­tur sehr leb­haft und angemessen pointiert. Das Ganze ist ein großes Vergnü­gen!
Ingo Hod­dick