Gerald Barry

Sextett

for clarinet doubling bass clarinet, trumpet, two marimbas, piano and double bass, Partitur/Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott Music
erschienen in: das Orchester 03/2019 , Seite 63

Der irische Kom­pon­ist Ger­ald Bar­ry liebt eine klare musikalis­che Sprache. Sie reicht von scho­nungslos­er Härte bis zu Trans­parenz, die aber immer klar kon­turi­ert bleibt. In Bar­rys Musik find­en sich Klangflächen, in denen die Musik etwas sur­re­al Objek­thaftes erhält, pointierte Rhyth­men, grelle Klan­glichkeit und ein kantiger und grim­miger Humor. In fast schon slap­stick­hafter Weise tobt sich der in Alice’s Adven­tures Under Ground, Bar­rys jüng­ster (von sechs) Opern aus.
Sein Werkkat­a­log, das meiste davon bei Schott in Lon­don erschienen, ist umfan­gre­ich. Nun liegt auch sein Sex­tett für Klar­inette (in B) bzw. Bassklar­inette, Trompete in C, Kon­tra­bass, zwei Marim­ba­fone und Klavier vor, dessen Urauf­führung bere­its im Feb­ru­ar 1993 über die Bühne ging. Es han­dele sich um ein Stück, „in dem die Momente des Wech­sels zwis­chen den Abschnit­ten genau­so wichtig sind wie die Musik – ähn­lich den Stellen in Gemälden, an denen sich Objek­te oder Farbflächen tre­f­fen“, teilt Bar­ry im Vor­wort mit. Das klingt nach Momenten der Ruhe zwis­chen in sich geschlosse­nen Teilen, in denen im Hör­er qua­si eine eigene, ungeschriebene Musik entste­ht.
Das aber wäre zu psy­chol­o­gisch gedacht. Bar­ry jeden­falls gön­nt in seinem Sex­tett dem Hör­er kaum ei­ne Sekunde zum Innehal­ten, die Abschnitte fol­gen unmit­tel­bar aufeinan­der. Die Musik ste­ht Straw­in­sky viel näher als etwa Mor­ton Feld­man, der gle­ich­falls gerne Ver­gle­iche mit der Malerei her­an­zog.
Im ersten Abschnitt ste­ht die Trompete mit ein­er län­geren solis­tis­chen Phrase im Mit­telpunkt. Schnelles Tem­po, häu­fige Tak­twech­sel, knappe Phrasen. Die Melodik ist sprung­haft, eck­ig. Bei Buch­stabe A ein Farb­wech­sel: Klavier und Ma­rimbafone übernehmen, die Trompete schweigt. Und man merkt, dass Ver­gle­iche mit Malerei oft auch in die Irre führen. Denn Bar­ry wen­det nun das gute, alte, extrem musik­spez­i­fis­che Ver­fahren des Kreb­ses an: Die Instru­mente rollen die Trompe­ten­stimme von hin­ten wieder auf. Und nicht nur das: Marim­ba­fon 2 sowie die linke Hand im Klavier spie­len jew­eils die Umkehrung dieses Mate­ri­als. Bar­ry erweist sich also als gewiefter Kon­tra­punk­tik­er und wird dies auch im weit­eren Ver­lauf des Stücks bleiben. Rei­hen­tech­niken dürfte er im Studi­um bei Karl­heinz Stock­hausen, die Por­tion kauzi­gen Humor vielle­icht im Unter­richt bei Mauri­cio Kagel erwor­ben haben.
Fehlt noch der Kanon. Der kommt denn auch sogle­ich bei Buch­stabe B zur Anwen­dung. Erneuter Farb­wech­sel: Eine etwas geglät­tete, stärk­er „melo­disierte“ Ton­folge wird im engen Abstand von ein­er Viertel­note von Klavier, Kon­tra­bass und Bassklar­inette präsen­tiert. Noch enger wird’s am Schluss: ein dreis­tim­miger Kanon im Achte­lab­stand. Wegen des hohen Tem­pos ist das eine höchst anspruchsvolle Auf­gabe wie über­haupt das gesamte Stück sehr pro­fes­sionelle Aus­führende braucht. Doch in die Welt eines Ger­ald Bar­ry einzu­tauchen, ist ein lohnenswertes Unter­fan­gen. Von scherzhaften Äußerun­gen sollte man sich dabei nicht irri­tieren lassen. Sein jüng­stes Werk (2018) etwa ist ein Orgelkonz­ert, eine Hom­mage an eine „Hauskatze und ihren offen­sichtlichen Kampf gegen die Tonal­ität“.
Math­ias Nofze