Casken, John

Serpents of Wisdom

for Horn in F and Piano, Partitur und Stimme

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, London 2016
erschienen in: das Orchester 12/2016 , Seite 61

Der Titel Ser­pents of Wis­dom stammt von einem Gedicht Celtic Cross von Nor­man Mac­Caig (1910–1996). Abstrak­te Sym­bole früher­er Zeit­en, die ver­schlun­gen und geflocht­en in Stein gemeißelt waren, wer­den hier lebendig. Die umwun­de­nen Reliefs der Weisheit sind küh­le Aus­sagen, die durch ihre Empathie Liebe ver­mit­teln. Der aufgewick­elte Ser­pent ähnelt der Bauweise des Horns und wird somit in diesem Werk für Horn und Klavier von John Casken (geb. 1949) mit dem Instru­ment in Verbindung gebracht. Die strahlende und kräftige Anfangsphrase wird von bei­den Instru­menten unisono vor­ge­tra­gen und während des Stücks immer wieder zitiert und bear­beit­et. Sie spiegelt das edle Wesen dieser Grab­stein-Krea­turen wider. Die Begriffe im Noten­text wie „Entwined“, „Hymn-like“, „Heraldic“ und „Vig­or­ous“ sind passende Aus­drücke zu dieser The­matik.
Die Horn­stimme bein­hal­tet Na­turtöne (z.B. Tak­te 17 f., 83 f. und 87 f.), die ohne Into­na­tion­sko­r­rek­tur gespielt wer­den sollen. Außer einzel­nen gestopften Tönen und gedämpften Stellen verzichtet der Kom­pon­ist auf erweit­erte Spiel­tech­niken für das Horn, wie zum Beispiel Flat­terzunge. Die Klavier­stimme ist dem Horn gle­ich­w­er­tig und ermöglicht das Zusam­men­spiel im Dia­log. Die Musik wech­selt zwis­chen getra­ge­nen Lin­ien und vir­tu­os­er Schnel­ligkeit. Das Werk hat eine Spiel­d­auer von rund elf Minuten.
Ser­pents of Wis­dom ist eine Auf­tragskom­po­si­tion von BBC Radio 3 und die Roy­al Phil­har­mon­ic Soci­ety als Teil des New Gen­er­a­tion Artists Scheme, gegrün­det 1999, um junge Musik­tal­ente zu fördern.
Ur­aufgeführt wurde Ser­pents of Wis­dom von Alec Frank-Gem­mil (Horn) und Alas­dair Beat­son (Klavier) in Wig­more Hall in Lon­don. Der Auf­führung­sort ist berühmt für seine mod­er­nen Musikrei­hen, in denen zeit­genös­sis­chen Kom­pon­is­ten ein Forum geboten wird.
John Casken, Pro­fes­sor Emer­i­tus von der Uni­ver­si­ty of Man­ches­ter, wurde unter anderem von Witold Lutoslaws­ki stark bee­in­flusst. Er ist ein­er der berühmtesten Kom­pon­is­ten in Großbri­tan­nien und wurde für seine Musik mit zahlre­ichen Ausze­ich­nun­gen geehrt. Seine Werke reichen von Kam­mer­musik bis zur Musik für großes Orch­ester sowie von Vokal- und Chor­musik bis zur Oper. Er benutzt Ele­mente des Expres­sion­is­mus und der lyrischen Atonal­ität sowie der freien Tonal­ität. Leg­ende und Lit­er­atur sowie Malerei sind in seinen Werken immer wieder von Bedeu­tung.
Mit Celtic Cross als Vor­bild set­zt John Casken in Ser­pents of Wis­dom für Horn und Klavier seinen leg­en­den­haften Kom­po­si­tion­sstil fort. Der sen­ti­men­tal­en Melan­cholie wird rast­lose Wild­heit der Natur gegenübergestellt. Somit bietet dieses Stück dem Horn sowie dem Klavier die Möglichkeit, san­fte Töne und stür­misch bewegte Musik gegen­sät­zlich zu real­isieren.
Thomas Swart­man