George Antheil

Serenades 1 & 2/The Golden Bird/Dreams

Württembergische Philharmonie Reutlingen, Ltg. Fawzi Haimor

Rubrik: CDs
Verlag/Label: cpo
erschienen in: das Orchester 05/2020 , Seite 73

Es sind gewiss vier Gele­gen­heitswerke von George Antheil (1900–1959), die wir auf dieser neuen CD hören. Sie zeigt aber auch ein­drucksvoll, wie der US-Amerikan­er deutsch­er Herkun­ft (seine eigentlichen Vor­na­men waren Georg Johann Carl) so etwas mit lock­er­er Hand und zugle­ich in hoher Qual­ität hin­wer­fen kon­nte. Dass es darin immer wieder Anspielun­gen auf Werke ander­er Kom­pon­is­ten gibt, franzö­sis­che und vor allem rus­sis­che sowie natür­lich amerikanis­che, erscheint dabei nicht entschei­dend.
Je zwei der hier einge­spiel­ten Werke zählen zu ein­er jew­eils anderen Seite der Neok­las­sizis­mus-Medaille. Den eher „wilden“ Aspekt der Zwis­chenkriegszeit bedi­enen die Chi­nois­erie-Miniatur The Gold­en Bird (1922) und die Bal­lettmusik Dreams (1934/35).
Let­ztere bestellte der große Chore­ograf George Bal­an­chine bei Antheil, denn er wollte das Libret­to von André Derain über die absur­den Erfahrun­gen ein­er Prima­bal­le­ri­na nun in New York nicht mehr mit der ursprünglichen Musik von Dar­ius Mil­haud auf­führen wie ein Jahr zuvor in Paris (diese Fas­sung kön­nte Antheil erlebt haben, denn auch er hielt sich damals in der franzö­sis­chen Haupt­stadt auf).
Die far­bliche Fülle, die Antheil in den halb­stündi­gen Dreams aus seinem kleinen Orch­ester aus Flöte/Piccolo, Oboe, zwei Klar­inet­ten, Fagott, je zwei Hörn­ern und Trompe­ten, Posaune, Pauken, Schlagzeug, Klavier und Stre­ich­ern holt, ist enorm.
Den eher „gesit­teten“ Aspekt der Nachkriegszeit bedi­enen die bei­den Ser­e­naden. Nr. 1 für Stre­i­chorch­ester ent­stand 1948 im Auf­trag der
leg­endären Mäzenin Eliz­a­beth Sprague Coolidge und erscheint beson­ders gründlich gear­beit­et. Nr. 2 kom­ponierte Antheil 1950 für ein kleines Orch­ester aus zwei Flöten, Oboe, Klar­inette, Fagott, zwei Hörn­ern, Trompete, Posaune, Pauken, Schlagzeug, Klavier und Stre­ich­er. Sie wirkt wie eine fast sin­fonis­che Syn­these des Vorherge­hen­den, auch durch die Selb­stz­i­tate im Kopf­satz (aus dem „King’s March“ der Dreams und dem ersten Satz der ersten Ser­e­nade).
Das sind keine Erstein­spielun­gen, aber wirk­lich gute Ein­spielun­gen. Die „franzö­sis­che“ Fär­bung und Klarheit der Würt­tem­ber­gis­chen Phil­har­monie Reut­lin­gen passt sehr gut zu dieser Musik. Nur manch­mal hakt es ganz wenig. Der Chefdiri­gent Fawzi Haimor, geboren 1983 in Chica­go, bringt dieses Orch­ester hör­bar nach vorne, mit viel Bewusst­sein für Stil und Details. Die beson­ders dankbaren Solostellen in der Stre­ich­er-Ser­e­nade kom­men beseelt herüber.
Lei­der wurde für die bei­den Werke für kleines Orch­ester eine etwas zu große Stre­icherbe­set­zung gewählt, die stel­len­weise den sub­tilen und kom­plex­en Satz der übri­gen Instru­mente fast verdeckt, so im „Acro­bate“ der Dreams das
(fünf Jahre vor John Cage!) prä­pari­erte Klavier (mit Papier­streifen auf den Klavier­sait­en, alla harp­si­chord).
Ingo Hod­dick