Tchaikowsky, Peter

Sérénade mélancolique / Variations on a Rococo Theme / Souvenir d’un lieu cher / Souvenir de Florence

Jan Vogler (Violoncello), hr-Sinfonieorchester, Moritzburg Festival Ensemble, Ltg. Andrés Orozco-Estrada

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Sony Classical 88875114202
erschienen in: das Orchester 10/2016 , Seite 67

Jan Vogler, Inten­dant der Dres­d­ner Musik­fest­spiele sowie Kün­st­lerisch­er Leit­er des Moritzburg Fes­ti­vals, ist als lei­den­schaftlich­er Cel­list und Ken­ner des Klas­sikreper­toirs bekan­nt gewor­den. Zusam­men mit dem durch­sichtig musizieren­den hr-Sin­fonieorch­ester unter der Leitung des Chefdiri­gen­ten Andrés Oroz­co-Estra­da inter­pretiert er zunächst in einem eige­nen Arrange­ment die Séré­nade mélan­col­ique in b-Moll von Peter Tschaikowsky, wobei die franzö­sis­chen und ital­ienis­chen Ein­flüsse präzis her­aus­gear­beit­et wer­den. Bis in kle­in­ste Melodiewen­dun­gen hinein besitzt sein Spiel eine erstaunliche Frische und Lebendigkeit, die sich immer mehr zus­pitzt. Auch die berühmte „rus­sis­che Seele“ kommt nicht zu kurz – wenn auch in abgeschwächter Form. Eine eksta­tis­che Ver­loren­heit an das Gefühl macht sich hier bre­it, die Tschaikowskys Werk sehr gut gerecht wird. Jan Vogler ver­mei­det jedoch klug Anklänge an das bar­barisch Enthemmte und die won­nevoll genossene Auswe­glosigkeit des Nihilis­mus.
Ein glühen­des Auf­begehren gegen das Schick­sal wird – typ­isch für Peter Tschaikowsky – aber bei den bekan­nten Rokoko-Vari­a­tio­nen op. 33 in a-Moll deut­lich. Das zier­liche The­ma ent­fal­tet sich dabei zunächst in zwei großen, frei geführten Vari­a­tio­nen. Die Aus­druck­skraft der langsamen Vari­a­tion trifft der Cel­list sehr genau – zarte Kan­tile­nen brin­gen die Har­monik zum Blühen. Die Mol­l­vari­ante führt bei dieser Wieder­gabe zu ein­er bril­lanten und pack­end musizierten Coda. Jan Vogler hat sich bei der vor­liegen­den Auf­nahme für eine eigene Fas­sung des Werks entsch­ieden, näm­lich eine facetten­re­iche Kom­bi­na­tion zwis­chen Urfas­sung und der Ver­sion des Cel­lis­ten Wil­helm Fitzen­hagen. Die in der Fitzen­hagen-Ver­sion gestrich­ene let­zte Vari­a­tion ist hier als Vari­a­tion IIIb einge­fügt. Die Wieder­gabe Voglers zusam­men mit dem hr-Sin­fonieorch­ester Frank­furt am Main ver­mei­det glück­licher­weise rohe Kraft und vorder­gründi­ge Vir­tu­osität. Stattdessen besitzt sie eine eher nos­tal­gis­che Aura.
Ein weit­eres Schmuck­stück dieser Auf­nahme ist die klare Wieder­gabe des Stre­ich­sex­tetts op. 70 in d-Moll: Sou­venir de Flo­rence. Hohe Aus­drucksin­ten­sität und reife Melodik hal­ten sich hier die Waage. Auch die Nähe zur in der gle­ichen Zeit ent­stande­nen Oper Pique Dame ist deut­lich her­auszuhören. Gewitzt arbeit­et Jan Vogler die folk­loris­tis­chen Ital­ien-Zitate her­aus. Dabei begleit­et ihn das vor Tem­pera­ment und Esprit nur so sprühende Moritzburg Fes­ti­val Ensem­ble ras­ant und ein­fühlsam zugle­ich. Als akustis­che Tschaikowsky-Per­le erweist sich zudem das klang­far­ben­re­ich musizierte Sou­venir d’un lieu cher Nr. 1 („Med­i­ta­tion“) für Cel­lo und Orch­ester op. 42.
Akustisch ist die Auf­nahme gut, kön­nte aber auch noch größere Weiträu­migkeit ver­tra­gen.
Alexan­der Walther