Werke von Thomas Baltzar, Nicola Matteis, Johann Paul von Westhoff und anderen

Senza Basso – Auf dem Weg zu Bach

Nadja Zwiener (Barockvioline)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Genuin GEN 21728
erschienen in: das Orchester 10/2021 , Seite 80

Die Idee, anhand von solis­tis­ch­er Vio­lin­musik auf die vie­len Höhep­unk­te des unbe­gleit­eten Vio­lin­reper­toires vor Johann Sebas­t­ian Bachs Sonat­en und Par­titen hinzuweisen, ist zwar nicht ganz neu – die Amerikaner­in Augus­ta McK­ay Lodge hat ger­ade erst 2018 bei Nax­os eine ver­gle­ich­bare Zusam­men­stel­lung vorgelegt –, wird aber in Nad­ja Zwieners CD neu aus­gelotet. Neben mehrsätzi­gen Werken hat die Geigerin eine ganze Rei­he kürz­er­er Stücke aus­gewählt – darunter etwa Orig­i­nalkom­po­si­tio­nen von Thomas Baltzar und Nico­la Mat­teis sowie Bear­beitun­gen von Stück­en Arcan­ge­lo Corel­lis, Giuseppe Torel­lis und Hen­ry Pur­cells aus den von John Walsh her­aus­gegebe­nen Select Pre­ludes or Volen­tarys for the Vio­lin (1705).
Lei­der zeigt die Prax­is, dass die wenig­sten der hier ver­sam­melten Kom­po­si­tio­nen Bestandteil des Unter­richts an Hochschulen sind und die Studieren­den daher bis heute wesentliche Teile der Geschichte ihres eige­nen Instru­ments nicht ken­nen. Insofern lässt sich die Pro­duk­tion auch als Ein­ladung ver­ste­hen, sich näher mit diesem noch lange nicht aus­geloteten, solis­tis­chen Reper­toire zu beschäftigen.
Bere­its die zu Beginn erklin­gen­den Werke von Baltzar (Pre­lude) und Mat­teis (Pas­sa­gio Rot­to, Andamten­to Veloce e Fan­ta­sia) lassen die beson­deren Qual­itäten von Zwieners Vor­trag her­vortreten: Tech­nisch sou­verän set­zt die Geigerin die spär­lichen Angaben aus den Orig­i­nal­druck­en mit einem Max­i­mum an Abwech­slungsre­ich­tum bei Bogen­strich und Tonge­bung um, hebt gekon­nt die Stimm­führun­gen her­vor, wenn eingestreute Akko­rde dies erfordern, oder lässt das Pas­sagen­werk lock­er und mit klug geset­zten agogis­chen Verzögerun­gen zur nach­halti­gen Beto­nung von Ton­höhen zwecks Her­ausar­beitung laten­ter Mehrstim­migkeit erklingen.
Nicht nur in diesen miniaturhaften Stück­en, son­dern auch in den mehrsätzi­gen Kom­po­si­tio­nen bleibt das Spiel der Geigerin müh­e­los: Johann Paul von West­hoffs Suite a‑Moll (1696) klingt erstaunlich frisch, und ins­beson­dere bei den schwierig zu real­isieren­den, vor­wiegend akko­rdisch notierten Sätzen lässt sich Zwiener einiges ein­fall­en, um (in Courante und Sara­bande) den Vor­trag durch Verzierun­gen bei den Wieder­hol­un­gen aufzu­lock­ern oder (in der chro­ma­tis­chen Gigue) das Hören einem Vex­ier­spiel mit har­monis­chen Ver­schiebun­gen auszuset­zen. Ein beson­der­er Höhep­unkt der Ein­spielung ist Johann Georg Pisendels anspruchsvolle Sonata à Vio­li­no solo sen­za Bas­so a‑Moll (um 1717), deren Umset­zung nicht nur durch tech­nis­che Meis­ter­schaft, son­dern auch durch viele far­ben­re­iche, dynamis­che Schat­tierun­gen und einen klangsinnlichen Zugang zu den Kan­tile­nen für sich ein­nimmt – Kennze­ichen, die darüber hin­aus auch in Zwieners Inter­pre­ta­tio­nen von Johann Joseph Vils­mayrs Par­ti­ta I A‑Dur (1715) sowie in den zahlre­ichen Vari­a­tio­nen der Pas­sacaglia g‑Moll aus Hein­rich Ignaz Franz Bibers Rosenkranz-Sonat­en (1676) immer wieder aufscheinen.
Ste­fan Drees