Toshio Hosokawa

Sen VI

for percussion

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Schott
erschienen in: das Orchester 7-8/2022 , Seite 65

Zwei Bon­gos, zwei Con­gas, eine sehr große Trom­mel und ein Cym­bal antique sind die Instru­mente in Toshio Hosokawas Schlagzeug­solokom­po­si­tion Sen VI aus dem Jahr 1993. Das ist aus­ge­sprochen wenig Mate­r­i­al für ein zwölfminütiges Schlagzeugstück, bei anderen Komponist:innen ger­at­en die perkus­siv­en Auf­baut­en viel umfänglicher.
Auf den ersten Blick scheint Sen VI, eines von sieben gle­ich­nami­gen Solostück­en für ver­schiedene Instru­mente aus den Jahren 1984 bis 1995, ein leicht spiel­bares Stück zu sein, geprägt von vie­len einzel­nen Schlä­gen und lan­gen Pausen bei großen dynamis­chen Gegen­sätzen. Aber ähn­lich wie bei den Klavier­sonaten Mozarts, die dem Bon­mot nach für Laien zu leicht und für Profis zu schw­er sind, steckt die inter­pre­ta­torische Her­aus­forderung bei den Werken Hosokawas nicht so sehr in der Spiel­tech­nik, son­dern in der  nachvol­lziehen­den Gestal­tung der grundle­gen­den kom­pos­i­torischen Ideen.
Toshio Hosokawa gehört zu den wichtig­sten japanis­chen Kom­pon­is­ten, sein Œuvre umfasst nahezu alle Gen­res, von der Kam­mer­musik über Oper bis zu Orch­ester­w­erken. Erst nach langem Studi­um der europäis­chen Musik wandte er sich – angeregt wohl vor allem durch seine Kom­po­si­tion­slehrer Isang Yun und Klaus Huber – der tra­di­tionellen asi­atis­chen Musik mit ihrem ganz anderen Musikverständ­nis zu. In der japanis­chen Musik ist der einzelne Ton nicht nur als Teil eines Ganzen (z.B. eines Akko­rds) von Bedeu­tung, son­dern er wird immer indi­vidu­ell und mit höch­ster Delikatesse aus­ge­formt und dif­feren­ziert. Aus den einzel­nen Tönen und Gesten, mitunter durch lange Pausen getren­nt, erwach­sen weiträu­mige musikalis­che Land­schaften: Es ist, als wenn man langsam durch einen Garten gin­ge – so beschrieb Hosokawa ein­mal seine Musik.
Vor diesem Hin­ter­grund ist Sen VI eines der tief­gründig­sten Werke der Schlagzeuglit­er­atur, das bei ein­er her­aus­ra­gen­den Inter­pre­ta­tion zu ein­er extrem inten­siv­en Hör­erfahrung wer­den kann.
Eine mit­tler­weile 30-jährige Inter­pre­ta­tion­s­geschichte mit Sen VI hat der japanis­che, an der Musikhochschule Karl­sruhe lehrende Schlagzeuger Isao Naka­mu­ra, der das Werk für ein Solokonz­ert bei den Berlin­er Fest­wochen in Auf­trag gab und dort auch urauf­führte. Bere­its damals arbeit­ete er eng mit Toshio Hosokawa zusam­men, er ist der ide­ale Reise­führer durch die (Klang-)Landschaften dieses Stücks. Von der Chore­ografie der Eingangs­schläge über die span­nungsvolle gestis­che Gestal­tung der Pausen, die ener­getis­chen Explo­sio­nen bis zu den klan­glichen Spezial­ef­fek­ten auf Con­gas und Bon­gos – in sein­er im Lauf der Jahrzehnte kon­tinuier­lich gereiften Inter­pre­ta­tion ver­schmilzt Naka­muras kün­st­lerische Per­sön­lichkeit mit der Komposition.
Höhep­unkt sein­er Auf­führun­gen ist stets der Impro­vi­sa­tion­steil in der Mitte des Werks, in dem er nach den detail­lierten Vor­gaben des Kom­pon­is­ten ein groß angelegtes Crescen­do gestal­tet – zu erleben u.a. in einem Konz­ert­mitschnitt aus der Köl­ner Phil­har­monie bei Youtube oder hof­fentlich bald ein­mal wieder bei einem echt­en Konzert.
Stephan Froleyks