Ottorino Respighi

Sei Pezzi

per violino e pianoforte P 31 op. 31, Partitur und Stimme

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Dohr, Köln 2021
erschienen in: das Orchester 10/2021 , Seite 73

Man täte den sechs Stück­en für Vio­line und Klavier op. 31 von Ottori­no Respighi sich­er unrecht, beze­ich­nete man sie als Jugendw­erke. Die Nähe zur gehobe­nen Salon­musik, die man in eini­gen der Sätze anklin­gen hört, ver­weist aber zumin­d­est nicht auf gesteigerte Ansprüche des 22-jähri­gen Kom­pon­is­ten, der sich zu jen­er Zeit um die Wende zum 20. Jahrhun­dert seinen Leben­sun­ter­halt noch als Orch­ester­musik­er ver­di­enen musste. Da ent­standen einige Jahre später, auch in Respighis Kam­mer­musik, Werke ganz anderen Kalibers.
Unter­schätzen sollte man das halbe Dutzend der meist sehr lyrisch angelegten und kaum länger als fünf, sechs Minuten Spielzeit erfordern­den Stücke aber den­noch nicht. Geht man mit zu viel Zurück­hal­tung ans musikalis­che Werk, erhält man einen ermüdet wirk­enden Schu­mann, etwas seicht­en Brahms und trock­e­nen Tschaikowsky. Hier sind stattdessen der große Ton, eine üppige Band­bre­ite im Klang und viel Dif­feren­zierung in der Phrasierung nötig. Und die Vio­line muss ganz unbe­d­ingt das Spiel machen wollen. Ohne vir­tu­osen Anspruch keine Wirkung – da ist auch der junge Respighi schon ganz der alte.
Der ein­lei­t­en­den Berceuse, der schlicht­en Melo­dia und der fließen­den Ser­e­na­ta ist nicht allein mit einem gesan­glichen Geigen­spiel beizukom­men; hier braucht es den großen, vielle­icht manch­mal sog­ar den sin­fonisch-orches­tralen Ton, um Wirkung zu erzie­len und nicht Gefahr zu laufen, in nette Unter­hal­tung abzu­gleit­en. Die Klavier­stimme ist hier wie auch in den übri­gen Stück­en zwar nur Begleitung, doch eine pas­tose Hin­ter­grund­malerei würde Respighis Musik nicht gerecht wer­den. Prinzip­iell ist der Noten­text sog­ar offen genug, um auch dem Klavier den ein oder anderen Extra-Akzent zu erlauben.
Wollte man eines der Sei Pezzi beson­ders her­ausheben, fiele die Wahl bes­timmt auf den Valse cares­sante. Duftig und leicht entwirft Ottori­no Respighi hier einen Walz­er mit Bal­lett-Ambi­tio­nen, der so ganz fern von jeglichem All­t­ags­ge­tram­pel einen Gruß zu Peter Tschaikowsky hinübersendet. Hier im Zen­trum der kleinen Samm­lung ist ver­mut­lich die größte Bewe­gungs­dichte auszu­machen, da es einen wirk­lich schnellen oder gar vir­tu­osen Satz in diesem Opus 31 nicht gibt.
Tief­gründi­ger und dichter in der musikalis­chen Aus­sage sind die an drit­ter Stelle ste­hende Leggen­da und die abschließende Aria, die dynamis­ch­er angelegt sind und auch durch kurzzeit­ige Beschle­u­ni­gun­gen des Tem­pos mehr Tiefen­schärfe entwick­eln kön­nen. Auf­grund der klein­teili­gen Anlage der Kom­po­si­tio­nen ist aber auch hier wieder eine gute Klan­gregie in Geige und Klavier gefragt. Es wird ganz bes­timmt das Duo die größte Auf­führungswirkung erzie­len kön­nen, das auf kurzen Streck­en ein überzeu­gend bre­ites Spek­trum an Far­ben unterzubrin­gen versteht.
Daniel Knödler