Jörg Handstein

Schumann — Die innere Stimme

Hörbiografie gelesen von Udo Wachtveitl, Matthias Brandt, Brigitte Hobmeier und anderen

Rubrik: CDs
Verlag/Label: BR-Klassik 900916
erschienen in: das Orchester 04/2019 , Seite 62

Ein biss­chen skur­ril ist das schon: Pünk­tlich zum 200. Geburt­stag von Clara Schu­mann veröf­fentlicht der Bay­erische Rund­funk eine umfan­gre­iche Audio­bi­ografie von – Robert Schu­mann. Das Hör­buch in zehn Kapiteln wurde zwar schon zuvor auf BR-Klas­sik aus­ges­trahlt, den­noch wirkt das Tim­ing selt­sam. Wird hier die Vir­tu­osin und Kom­pon­istin, noch dazu in ihrem Jubiläum­s­jahr, neben­bei als „Frau von“ abge­han­delt?
Keine Sorge: Jörg Hand­steins Schu­mann-Biografie ist zu vielschichtig und viel zu klug, um auf alten Klis­chees herumzure­it­en. Wed­er wird Clara Wieck onkel­haft als pianis­tis­ches Wun­derkind abge­tan, noch wird Clara Schu­mann als unter­drück­te Ehe­frau bemitlei­det, die ihrem man­isch-genialisch kom­ponieren­den Gat­ten den Haushalt füh­ren muss. Hand­stein nimmt sich viel Zeit und blickt tief in die Orig­i­nalquellen – Briefe, Tage­büch­er, Rezen­sio­nen –, um das musikalis­che Schaf­fen, aber auch das hochkom­plizierte Lieben und Eheleben der bei­den Kün­stler ins Licht und ins Recht zu set­zen.
Für einen Biografen, der ein Hör­buch gestal­ten darf, ist Robert Schu­mann das wohl dankbarste denkbare Objekt: Hier gibt es her­rliche Musik, lit­er­arisch anspruchsvolle Schriften und per­sön­liche Zeug­nisse, die Schu­manns Rin­gen um sein Musikide­al, um die poet­is­che Syn­these von Ton und Wort, im Kun­stlied etwa, anschaulich machen.
Wer­den Schu­manns Worte dann auch noch von Matthias Brandt rez­i­tiert, der ein Pub­likum wohl sog­ar mit ein­er Lesung aus dem Zwick­auer Tele­fon­buch in seinen Bann ziehen kön­nte, kann nichts mehr schiefge­hen. Auch Brigitte Hob­meier in der Rolle Clara Schu­manns, Udo Wachtveitl als Erzäh­ler und andere exzel­lente Sprech­er tra­gen dazu bei, dass man dieser Audio­bi­ografie gern und ges­pan­nt fol­gt.
Robert Schu­manns Leben, mit allen Höhen­flü­gen und drama­tis­chen Abstürzen, wird hier glück­licher­weise nicht vom schau­ri­gen Ende her gedacht; der Grund­ton von Jörg Hand­steins Hör­buch ist alles andere als tragisch oder ehrfurchtschwanger. Mit Vergnü­gen lässt er den ironiebe­gabten Musikjour­nal­is­ten und Beobachter Schu­mann zu Wort kom­men – der von dem ichbe­sesse­nen, end­los wortschwal­len­den Richard Wag­n­er übri­gens genau­so wenig ange­tan war wie Clara Schu­mann.
Ein weit­eres Plus dieser 4-CD-Box ist die Musikauswahl. Noch die kürzesten Beispiele aus Robert Schu­manns und Clara Wiecks Werken sind guten bis sehr guten Ein­spielun­gen ent­nom­men, etwa von Ragna Schirmer, Chris­t­ian Ger­ha­her, Diet­rich Fis­ch­er-Dieskau, Christoph Eschen­bach, Isabelle Faust, der Staatskapelle Dres­den unter der Leitung von Car­los Kleiber und dem Gewand­hau­sor­ch­ester, geleit­et von Kurt Masur. Als Bonus enthält die vierte CD eine neue Auf­nahme der Sym­phonie Nr. 1 mit dem Sym­phonieorch­ester des Bay­erischen Rund­funks unter Leitung von Mariss Jan­sons.
Frauke Adri­ans