Franz Schubert

Schubertiade

Christina Landshamer (Sopran), Justus Zeyen (Klavier), Chor des Bayerischen Rundfunks, Ltg. Howard Arman

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: BR Klassik
erschienen in: das Orchester 9/2022 , Seite 69

Nein, „Haus­musik“, wie man diesen Begriff im All­ge­meinen ver­ste­ht, ist es nicht (mehr) so wirk­lich, was der Chor des Bay­erischen Rund­funks unter Leitung von Howard Arman da auf sein­er jüng­sten CD bietet. Gleich­wohl – muss man sofort hinzufü­gen – trägt sie den Titel Schu­ber­ti­ade mit allem Recht. Denn bei besagten Schu­ber­ti­aden pflegte der Kom­pon­ist, kurz gesagt, seine jew­eils jüng­sten Werke vorzustellen, in und mit seinem Fre­un­deskreis. Gemein­sam musizierte man also in trauter Runde und pri­vatem Ambi­ente, wobei unter anderem wohl auch diejeni­gen Stücke zu Gehör kamen, die wir heute als Schu­berts weltliche Chor­musik beze­ich­nen. Er selb­st freilich dürfte bei ihrer Kom­po­si­tion eher die Beset­zung der ersten, probe­weisen Auf­führun­gen in eben jenen traut­en Schu­ber­ti­aden-Run­den im Ohr gehabt haben: eine solis­tis­che, besten­falls kam­mer­musikalis­che; auf jeden Fall eine, die eben im pri­vat­en Ambi­ente – vul­go: Wohnz­im­mer – Platz hatte.
Das kann man vom Chor des Bay­erischen Rund­funk nun nicht behaupten. Zwar informiert das Book­let nicht, wie viele Sänger:innen bei der Auf­nahme mit­gewirkt haben, doch darf man wohl eine Zahl von gut über 40 annehmen. Doch dann die Über­raschung: Was man hier hört, ist den­noch Kam­mer­musik vom Fein­sten! Dieser Chor – ob als Män­ner­chor im Ständ­chen, als Frauen­chor in Gott in der Natur oder als gemis­chter in Mir­jams Sieges­ge­sang – funk­tion­iert als ein einziges, dur­chaus großes, aber doch unge­mein beweglich­es Instru­ment; nicht nur in agogis­ch­er Hin­sicht, son­dern auch bezüglich der Dynamik und der Klan­glichkeit. Von san­ft und zärtlich zu fahl und kühl, von warm und weich zu hart und entsch­ieden bietet der Chor eine faszinierende, aber immer homo­gene Farbpalette.
Ja, einzelne Spitzen­töne im Sopran tendieren mal zur Schärfe oder eine schnelle Fig­ur im Tenor ver­schwimmt eine Spur, doch mag man kaum glauben, wie schlank, wie into­na­tion­srein, wie fokussiert und makel­los per­fekt zusam­men auch in Absprachen und Phrasierun­gen ein so großes Ensem­ble sin­gen kann. Und der Vorteil sein­er Beset­zung ist natür­lich die Rund­heit und Homogen­ität des Gesamtk­langs, die von exzel­len­ter Probe­nar­beit nicht nur für diese eine Auf­nahme, son­dern über Jahre spricht.
Die chor­in­ter­nen Soli überzeu­gen dabei eben­so wie die externe Sopranistin Christi­na Land­sham­mer. Die Klavier­par­tien füllt Jus­tus Zeyen feinsin­nig und ger­adezu schat­ten­gle­ich beglei­t­end aus. Der Érard-Flügel aus den 1870er Jahren, den er spielt, ergänzt den Chork­lang aufs Beste.
Howard Arman weiß dieses große Chor-Instru­ment unge­heuer feinsin­nig zu führen. Er nutzt die Flex­i­bil­ität sein­er Sänger:innen, um auch fein­ste Nuan­cen der Musik ans Licht zu brin­gen, sodass die intime Stim­mung des Ständ­chens eben­so überzeu­gend wirkt wie der flächen­deck­ende Tri­umph in Mir­jams Siegesgesang.
Also, pri­va­tim hin oder her: Das ist es, was man sich unter dem Begriff Chorkul­tur vorstellt!
Andrea Braun