Gruber, Gernot

Schubert. Schubert?

Leben und Musik

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2010
erschienen in: das Orchester 03/2011 , Seite 60

Der Titel dieser Neuer­schei­n­ung ist etwas wider­borstig. Doch Ger­not Gru­ber, der emer­i­tierte Wiener Musikhis­torik­er, hat ihn mit Bedacht gewählt, was der Rei­he nach erläutert sei. Zunächst: Es steckt tat­säch­lich eine Menge „Schu­bert“ in diesem Buch. Die ersten knapp 200 Seit­en geben eine Über­sichts­darstel­lung zu Franz Schu­bert, die sich an das tra­di­tionelle
„Leben und Werk“-Schema anlehnt. Sie ist sehr infor­ma­tiv – wer allerd­ings einen „Schu­bert für Ein­steiger“ braucht, ist an der falschen Adresse. Nach ein­er Zeittafel, einem Werkverze­ich­nis oder auch Noten­beispie­len sucht man vergebens, an Fak­ten­wis­sen wird viel voraus­ge­set­zt.
Gru­ber geht es um anderes, er umreißt (damit kommt der gewichtige „Schubert?“-Aspekt ins Spiel) eine kri­tis­che Biografie. Mit der Hal­tung des nüchter­nen His­torik­ers hin­ter­fragt Gru­ber, was er für einen falschen Com­mon Sense in Sachen Schu­bert hält: gängige Bilder und Inter­pre­ta­tio­nen, die nicht sel­ten auf verk­lärende Erin­nerun­gen der Fre­unde, aber auch auf (lei­der oft namen­los bleibende) „Musik­forsch­er“ unser­er Tage zurück­ge­hen. Da Gru­ber nicht nur Frag­würdigkeit­en und biografis­che Lück­en benen­nen, son­dern auch selb­st let­ztlich zu einem Bild Schu­berts samt ein­er Art Psy­chogramm kom­men will, ohne spek­takulär neue his­torische Quellen zur Hand zu haben, ist natür­lich auch er auf Mut­maßun­gen angewiesen. Deren höhere Plau­si­bil­ität wäre zu disku­tieren – doch wohltuend ist alle­mal, dass Gru­ber hier wie im ganzen Buch mit offe­nen Karten spielt, das heißt sein eigenes Tun mit einem expliziten method­is­chen Räson­nement begleit­et.
Bei der Beschäf­ti­gung mit Schu­berts Œuvre spielt der „nüchtern kom­po­si­tion­stech­nis­che Befund“ nur eine unter­ge­ord­nete Rolle. Stattdessen stellt Gru­ber ein­er­seits wieder­holt gute Über­legun­gen zu Gat­tungsen­twick­lun­gen und ‑strate­gien an. Ander­er­seits wagt er sich im zweit­en Teil des Buchs an die Fra­gen, ob sich ein „Wesen“ Schu­berts und ein zen­traler
„Gehalt“ in seinem Kom­ponieren aus­machen lassen. Diese zweite Frage, im Blick auf die auch ins­ge­samt dominierende Vokalmusik ange­gan­gen, entwick­elt sich zu ein­er ambi­tion­ierten rezep­tion­säs­thetis­chen Abhand­lung, in der zwei Mod­elle durchge­spielt wer­den. Ein Rezip­i­ent, so Gru­ber, kann musikalis­chen Gehalt „erfahren“ auf der „vor- oder auch nach­be­grif­flichen“ Ebene des „Hör-Empfind­ens“. Er kann einen „erspürten Gehalt“ jedoch auch mit Begrif­f­en „verdicht­en“, und hier­für böten sich bei Schu­bert die Kat­e­gorien Utopie, Nihilis­mus und deren Anti­thetik an, die sich alle aus Schu­berts auto­bi­ografis­chem Text Mein Traum gewin­nen lassen.
Damit wird die „Leben und Musik“-Wechselwirkung vir­u­lent, deren Reflex­ion das Buch wie ein drit­ter rot­er Faden durchzieht. Man kann ganz unter­schiedlich­er Mei­n­ung darüber sein, wie drän­gend die Leit­fra­gen des zweit­en Teils im Umgang mit Schu­berts Musik sind und zu welch­er Art von Verbindlichkeit man bei ihrer Beant­wor­tung gelan­gen kann. Außer Frage ste­ht aber, dass Ger­not Gru­ber hier einen neuen method­is­chen Stan­dard geset­zt hat, an dem sich die kün­ftige Forschung zu messen hat.
Thomas Gerlich