Franz Schubert

Schubert Ouvertüren. Lebensfreude

Berliner Symphoniker, Ltg. Hansjörg Schellenberger

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Solo Musica
erschienen in: das Orchester 10/22 , Seite 69

Lebens­freude pur? Ver­mut­lich empfän­den wir eine Musik, die auss­chließlich dieses Gefühl trans­portiert, über kurz oder lang als unin­ter­es­sant, facette­n­arm, lang­weilig. Unter Mar­ket­ing-Gesicht­spunk­ten mag es entschuld­bar sein, eine Kollek­tion Schubert’scher Ouvertüren mit diesem Label zu bek­leben. In Wahrheit vernehmen wir hier selb­stver­ständlich auch dun­kle und drama­tis­che Töne.
Dem Ouvertüren-Kom­pon­is­ten Franz Schu­bert eine CD zu wid­men und zugle­ich ein Schlaglicht zu wer­fen auf eine inter­es­sante For­m­gat­tung und ihre Geschichte – von der barock­en Opern-Sin­fo­nia über die „antizip­ierende“ (Inhalte der fol­gen­den Oper andeu­tende) Ouvertüre klas­sis­ch­er und frühro­man­tis­ch­er Prä­gung bis hin zur selb­st­ständi­gen Konz­er­tou­vertüre – ist alle­mal ein lohnen­des Unternehmen. Wir hören die Ouvertüren „im ital­ienis­chen Stil“ D 590 und 591 – Schu­berts unmit­tel­bare Auseinan­der­set­zung mit der Musik Rossi­nis –, außer­dem die Ouvertüren zu Rosamunde, zur hero­isch-roman­tis­chen Oper Fierrabras, zum Singspiel Der häus­liche Krieg, zur Komödie Der Teufel als Hydrauli­cus sowie zwei Konz­er­tou­vertüren (D 556 und
D 8), deren zweite – ein genial-­düster­er Stre­ichquin­tett-Satz des Vierzehn­jähri­gen – eigentlich zur Kat­e­gorie Kam­mer­musik gezählt wer­den müsste.
Der Dra­matik­er Schu­bert blieb zu Lebzeit­en nahezu erfol­g­los. Im komö­di­antis­chen Fach beherrschte Rossi­ni die Wiener Szene, und auch auf dem Gebi­et des Singspiels und der Großen Oper hat­ten andere die Nase vorn. Hört man Schu­berts Ouvertüren vor diesem Hin­ter­grund, so kann man ver­muten, dass – bei aller zuge­s­tande­nen „Lebens­freude“ – ger­ade jene Wen­dun­gen, die den Melan­cho­lik­er Schu­bert her­vortreten lassen, einem unmit­tel­bar zün­den­den The­ater­coup im Wege standen. Gewiss bewegt sich Schu­bert in den „ital­ienis­chen“ Konz­ert-Ouvertüren überzeu­gend in der Welt Rossi­nis, und doch zeigt sich selb­st hier gele­gentlich jen­er „Zug nach innen“, der uns aus Schu­berts son­stigem Œuvre ver­traut ist.
Die Berlin­er Sym­phoniker – ­jenes „kleine“ Orch­ester, das seit Jahrzehn­ten durch bre­it­ge­fächerte Pro­gramme und natür­lich durch exquis­ites Spiel seinen Platz in der gewalti­gen Berlin­er Orch­ester­land­schaft behauptet – präsen­tieren sich klangschön, homogen, zu strahlen­dem Tut­ti eben­so aufgelegt wie zu kam­mer­musikalis­ch­er Delikatesse. Sie spie­len Schu­berts Musik mit fein abgestuftem Klang­bild, trans­par­ent und zugle­ich warm, in den Stre­ich­ern mit „kalkuliertem“ Vibra­to, in den Bläsern mit viel Gespür für Satzho­mogen­ität. Let­zteres ist gewiss ein beson­deres Anliegen des neuen Chefdiri­gen­ten Han­sjörg Schel­len­berg­er. Der langjährige Solo-Oboist der Berlin­er Phil­har­moniker ver­fügt über reiche Erfahrung auch am Diri­gen­ten­pult. Ergeb­nis sein­er kün­st­lerischen „Ehe“ mit den Berlin­er Sym­phonikern ist hier die span­nende Präsen­ta­tion ­ein­er zu Unrecht ver­nach­läs­sigten Werk­gruppe Schu­berts. Vielle­icht hören wir Orch­ester und Diri­gent auch ein­mal in einem der Schubert’schen Büh­nen­werke? Gewiss träfen sie auch hier­für den „recht­en Ton“.

Ger­hard Anders