Roland Dippel

Schauen Sie in meine Partitur!“

Dirigieren nach digitalen Partituren – oder lieber nach gedruckten ­Noten?

Rubrik: Thema
erschienen in: das Orchester 11/2022 , Seite 10

Zum Beispiel beim Finale der Streichquartette des ­ARD-Musikwett­­bewerbs konnte man es sehen, aber auch bei vielen anderen Musizieranlässen: Digitales Notenmaterial ist auf dem Vormarsch, wenn auch in unterschiedlichen Gewichtungen. Doch das gilt nicht überall. Gerade Dirigentinnen und Dirigenten bevorzugen häufig die althergebrachte Papier-Partitur.

Im Chaos String Quartet spielt nur der Cellist Bas Jongen mit Tablet, beim Barbican Quartet alle vier. Auch manche Orchester – vor allem von Rundfunkanstalten wie das Orquesta Sinfónica de Radio Televisión Española – sind im Übergang von physischem zu digitalem Notenmaterial schon weit fortgeschritten. In deren digitalen Bibliotheken befinden sich auch fertig eingerichtete Einzelstimmen. Veränderungen und Notate von Aufführungen werden als Versionsgeschichte gespeichert. Ein Austausch zwischen verschiedenen Orchestern kann mit wenigen Klicks erfolgen.

Partituren mit Geschichte
Dirigierpartituren gehorchen allerdings anderen Gesetzen des Gebrauchs und der Vorbereitung. Sie sind meist Privateigentum ihrer Nutzenden und enthalten sich ständig wandelnde und verdichtende Erfahrungen eines musikalischen Lebens. Dirigierpartituren kamen bisher überdies Aufführungen mit Orchestern zugute, die aus Ins­trumentenstimmen einer anderen Edition spielen. Es ist üblich, dass Mitwirkende Angaben aus wissenschaftlichen Ausgaben in das oft wesentlich ältere Stimmenmaterial ihres Hauses eintragen. Diese Eintragungen werden wiederum zu wichtigen Quellen für spätere Aufführungen, aber auch für Studien über sich herausbildende Traditionen, individuelle Klanggestaltungen, Spieltechniken – sprich, für die Spielpraxis ebenso wie für die musikwissenschaftliche Forschung.
Dirigierpartituren sind neben dem Notentext Chroniken und Einzelbausteine künstlerischer Biografien. Aus künstlerischen, dokumentarischen und praktischen Gründen ist der Umgang von Dirigent:innen mit physischem bzw. digitalem Aufführungsmaterial auch deshalb eine essenzielle Frage – egal ob es sich um eine unveränderliche Kopie (PDF) oder um interaktive, das heißt problemlos veränderbare Dateiformate und interaktive Foren handelt. Denn Eintragungen lassen sich natürlich ohne Weiteres auch in digitalen Medien vornehmen.

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