Georg Haider

Schafkopfen

Eine Hommage an ein bayerisches Kartenspiel

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Klangmueller Records
erschienen in: das Orchester 05/2018 , Seite 75

Der Ver­fass­er dieser Zeilen geste­ht freimütig, dass er in Erman­gelung bay­erisch­er Ein­flussge­ber oder gar per­sön­lich­er bajuwarisch­er Wurzeln viel kom­pe­ten­ter über eine Auf­nahme hätte schreiben kön­nen, die sich dem guten deutschen Skat­spiel gewid­met hätte. Doch vielle­icht ist es ja kein Zufall, dass diese alphornge­blasene Karten­spiel­musik nur dem Schafkopfen ver­schrieben sein kon­nte. Eine Liebe­serk­lärung an das urbay­erischste aller Karten­spiele in etwa 53 solis­tis­chen Musiknum­mern sowie wortre­ichen Erläuterun­gen, Anek­doten und Phrasendreschereien. Wobei: Glaubt man Ulrich Haider, Hor­nist bei den Münch­n­er Phil­har­monikern, dann ist Schafkopfen viel mehr als Karten­spiel, näm­lich ein bay­erisches Lebens­ge­fühl.
Man kann sich die Entste­hungs­geschichte dieser CD gut vorstellen: Da sitzen ein paar Buam abends bei Weiß­bier und Karten im Wirtshaus. Der Büt­tler Michael hat zufäl­lig sein Alphorn dabei und schraubt es (nach dem min­destens drit­ten Bier) unter Anfeuerungsrufen aller anwe­senden Wirtshaus­be­such­er zu einem Stück zusam­men. Ein majestätis­ches Kon­tra-C, und schon ist der ganze Raum still. Den kurzen Augen­blick vor dem erwarteten Ein­set­zen der alpinen Lock­rufe nutzt nun aber der Anzen­berg­er Hans, um ad hoc ein paar der besten Schafkopfweisheit­en kehlig zum Besten zu geben. Als da wären: „Mit via Augn sigst ois“, oder „Wer mit da Oid’n spuid, hat scho vaspuid“. Als bei­de fer­tig sind, ste­ht wiederum der Haider Schorsch auf und spricht andächtig: „Do mach ma a CD davo.“
Hal­ten zu Gnaden: Gewiss war alles ganz anders. Doch die CD – eigentlich sind es zwei – ist fer­tig und wird unter Schafkopf­spiel­ern ziem­lich sich­er zahlre­iche Lieb­haber find­en. Gibt man sich dem Pro­jekt in der Gesamt­spiel­länge von mehr als einein­halb Stun­den hin, dann weiß man am Ende so ziem­lich alles über das Schafkopfen und ist erfüllt von samtwe­ichem, vir­tu­os darge­boten­em Alphorn­klang.
Michael Büt­tler, zugle­ich Posaunist, ist wirk­lich ein Kön­ner seines Fachs, der vergessen lässt, wie schw­er sich so ein Alphorn blasen lässt und wie leicht einem da die Töne ver­rutschen, die vier Meter weit weg aus dem großen Holztrichter kom­men. Ab und zu gön­nt er sich er ein paar lau­nige Zitate, etwa den Rock­hit Smoke on the water oder das große Trompe­ten­so­lo vom Beginn von Mahlers fün­fter Sin­fonie.
Kom­pon­ist Georg Haider, der stets ungewöhn­liche Pro­jek­te ver­fol­gt (zum Beispiel auch Tod­ten­tänze für Akko­rdeonorch­ester) hat den Alphorn­part einiger­maßen abwech­slungsre­ich geschrieben, zugle­ich durch Wieder­hol­un­gen ähn­lich­er Phrasen eine med­i­ta­tive Wirkung mit hineinkom­poniert.
Faz­it: Ein liebevoller, net­ter und gut gemachter musikalis­ch­er Spaß, den man sich voraus­sichtlich jedoch kaum mehr als ein­mal anhören wird. Das reicht aber, damit es einen gewaltig in den Fin­gern juckt, das Schafkopfen ein­mal selb­st zu ler­nen.
Johannes Kil­lyen