György Kurtág

Scenes

Viktoriia Vitrenko (Sopran), David Grimal (Violine), Luigi Gaggero (Zymbal), Niek de Groot (Kontrabass)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Audite
erschienen in: das Orchester 12/2019 , Seite 73

Wenn ein Buch und ein Kopf zusam­men­stoßen und es klingt hohl, ist das alle­mal im Buch?“ Das ist ein­er der berühmtesten Apho­ris­men, die Georg Christoph Licht­en­berg in seinen legendären Sudelbüchern zusam­menge­tra­gen hat. Zeit seines Lebens hielt der Gelehrte Gedanken­split­ter und knappe Reflex­io­nen zu allen möglichen Wis­sens­ge­bi­eten in diesen Klad­den fest. Manche beste­hen aus nur einem Satz, andere weit­en sich zu Mini-Essays, alles vom schar­fen Geist der Spätaufklärung durch­drun­gen – und mit viel lakonis­chem Witz ver­mis­cht.
Licht­en­berg, eigentlich Pro­fes­sor für Physik, Astronomie und Math­e­matik an der Universität Göttingen, wurde damit zum Begründer des Apho­ris­mus in Deutsch­land. Was er von der Idee gehal­ten hätte, der­ar­tige Sot­tisen zu ver­to­nen, lässt sich schw­er­lich aus­malen. Eine satirische Bemerkung wäre ihm aber gewiss einge­fall­en.
Der ungarische Kom­pon­ist György Kurtág, selb­st ein Meis­ter der kom­prim­ierten Form, hat es unter­nom­men, einige von Licht­en­bergs Gedanken­blitzen zu ver­to­nen, als er Mitte der 1990er Jahre Com­pos­er in Res­i­dence am Berlin­er Wis­senschaft­skol­leg war. Dessen Direk­tor Wolf Lep­e­nies hat die Anre­gung dazu gegeben, indem er Kurtág einen Band der Sudelbücher in die Hand gab. So zu lesen im Bei­heft ein­er CD mit dem Titel Scenes, die, neben anderen Werken von Kurtág, erst­mals eine Auf­nahme der 22 Minia­turen enthält.
Was die Lichtenberg’schen Geis­tes­blitze ausze­ich­net, spiegelt sich in der Beset­zung mit Sopran und Kon­tra­bass. Kurtág set­zt auf Kon­trast, auf instru­men­ta­torisches Schwarz-Weiß. Das längste der Stücke dauert knapp zwei Minuten, das kürzeste 14 Sekun­den. Es heißt „Gebet“. „Lieber Gott, ich bitte dich um tausend Gotteswillen“, stößt die Gesangsstimme erregt und in weit­en Intervallsprüngen her­vor, unter­legt mit tiefen, pochen­den Kontrabasstönen, die fast wie eine Trom­mel klin­gen.
Im Lied über die „schlafend­en Kartof­feln“ malt Kurtág auf hin­reißende Weise die gemütlich im Sand liegen­den Erdäpfel, während der „einschläfrige Kirch­stuhl“ von der Sängerin gar ein herzhaftes Gähnen ver­langt. „Poet­is­che Illu­minierun­gen“ der textlichen Vor­lage nen­nt das Lui­gi Gag­gero im lesenswerten Bei­heft (die Texte find­et man dort lei­der nicht, dafür auf www.audite.de).
Die Sopranistin Vik­tori­ia Vit­renko legt eine großar­tige Wandlungsfähigkeit an den Tag, mit der sie tatsächlich so etwas wie imaginäre Szenen erschafft. Das gilt nicht min­der für ihre Inter­pre­ta­tion der 15 Gesänge zu Gedicht­en von Rim­ma Dalos op. 19, der Sieben Lieder op. 22 und des kurzen Zyk­lus In Erin­nerung an einen Win­ter­abend op. 8. Ver­lassen kann sie sich dabei auf kon­ge­niale Mit­spiel­er (David Gri­mal, Vio­line, Lui­gi Gag­gero, Zym­bal, und Niek de Groot, Kon­tra­bass). Die spie­len außer­dem noch acht Duos für Vio­line und Zym­bal.
Aufgenom­men wurde die CD im Leib­niz-Saal im Con­gress-Zen­trum Han­nover im Dezem­ber 2018. Die Klangqualität lässt nichts zu wünschen übrig: trans­par­ent, aber nicht trock­en, und angemessen „herange­zoomt“.
Math­ias Nofze