Respighi, Ottorino

Sarabanda

per violino e pianoforte, Edizione critica di Emy Bernecoli e Elia Andrea Corazza, Partitur und Stimme

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2017
erschienen in: das Orchester 06/2017 , Seite 63

Ein Blick auf das umfangreiche Repertoire, das Ottorino Respighi der Besetzung Violine und Klavier gewidmet hat, offenbart die historisch wichtige Stellung des Italieners – stehen doch den drei vom Komponisten selbst veröffentlichten Werken eine Vielzahl von Bearbeitungen barocker Sonaten einerseits und eine Reihe unveröffentlichter Jugendwerke andererseits gegenüber. Zu Letzteren gehört die hier erstmals veröffentlichte, aus dem Privatarchiv des Respighi-Forschers Potito Pedarra stammende Sarabanda G-Dur P015a, die der junge Komponist 1897, also zeitgleich zu seiner d-Moll-Sonate P015, komponierte.
Das einfach gebaute dreiteilige Stück, dessen 36 Takte gerade mal eine Seite Notentext in der Violin- und zwei Seiten in der Klavierstimme umfassen, lässt etwas von dem Interesse erahnen, das Respighi den alten Formen und Satztechniken entgegenbrachte, zumal er die Miniatur offenbar so sehr schätzte, dass er sie – nach F-Dur transponiert – im Jahr darauf in seiner Suite für Klavier P022 wiederverwendete.
In den Rahmenteilen führt die Violine das musikalische Geschehen mit einem in Terzen und Sexten vorzutragenden Lento-Thema an, das sich über dem erst später einsetzenden, akkordisch fortschreitenden Klavierpart in Trillerketten aufzulösen beginnt; im größer dimensionierten und zarter instrumentierten Mittelteil hingegen agieren beide Partner kanonisch aufeinander bezogen und auch harmonisch etwas weiter ausgreifend.
Wie die Herausgeber Emy Bernecoli und Elia Andrea Corazza in Vorwort und Anmerkungsapparat erwähnen, haben sie in ihrer Urtext-Edition die Wiedergabe einiger im Manuskript vorgefundener „posthume[r] Anmerkungen zur Ausführung“ von „ungewisser Herkunft“ unterlassen und ansonsten lediglich Dynamikangaben ergänzt bzw. – im Fall unnötiger Dopplungen – eliminiert.
Insgesamt ist die Ausgabe zwar sehr benutzerfreundlich und übersichtlich, doch muss man die kritische Frage stellen, warum die Sarabanda als Einzelausgabe und nicht im Verbund mit den übrigen kurzen Stücken aus demselben Jahr, einer Giga P015b und einem Allegretto P015c, erschienen ist: Indem Bernecoli und Corazza den Satz aus einem durchaus als kondensierte Suite auf­führbaren Zusammenhang voller vergleichbarer Spuren einer kompositorischen Auseinandersetzung mit älterer Musik herausreißen – in einem solchen wurde es 2009 durch Ilona Then-Bergh und Michael Schäfer auf CD interpretiert – und es stattdessen als langsames Einzelstück der Öffentlichkeit überantworten, lösen sie es aus einem möglichen Aufführungskontext und machen seine Platzierung in Konzertprogrammen schwierig. Denn als Zugabe eignet sich die Sarabande weniger, und aufgrund ihrer knapp fünf Minuten Spieldauer ist sie viel zu kurz, um adäquat als einzelner Programmpunkt zu funktionieren. Eine Gesamtausgabe der frühen Stücke wäre daher vorteilhafter gewesen.
Stefan Drees