Samir Odeh-Tamini

Samas

für Viola und Streichorchester, Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Ricordi, Berlin
erschienen in: das Orchester 11/2019 , Seite 63

Vio­la solo und Stre­i­chorch­ester, dazu Perkus­sion – viel Klang, einige Kon­traste, über­legt gewählte san­fte Effek­te in verblüf­fend­er Klein­teiligkeit. Samir Odeh-Tami­ni hat mit Samas ein fast halb­stündi­ges Musik­stück vorgelegt, das Stre­ich­er und Zuhör­er gle­icher­maßen mögen wer­den. Die Vio­li­nen (fünf erste, vier zweite Vio­li­nen) dür­fen jew­eils eine eigene Stimme spie­len, eben­so die drei Cel­li. Der Kon­tra­bass, ein­fach beset­zt, agiert sowieso solis­tisch. Dadurch entste­ht ein recht enges Geflecht von vie­len Tönen, genau notiert und mit neuen Spiel­tech­niken angere­ichert. Die Tem­pi sind ruhig bis sehr ruhig gewählt, sodass die vie­len Töne ohne Hek­tik oder tech­nis­che Kapri­olen aus­ge­führt wer­den kön­nen.
Odeh-Tami­ni ver­sieht die Solo-Vio­la mit eini­gen spiel­tech­nis­chen Anforderun­gen, lässt sie teils nur ein wenig über dem Tut­ti her­vor­lu­gen, teils solis­tisch den vollen Klang des Instru­ments ent­fal­ten, so beispiel­sweise unge­fähr in der Mitte des Werks. Hier übern­immt sie die fast perkus­siv anmu­ten­den Tri­olen (die vorher zeit­gle­ich zu Sechzehn­teln durch die Stre­ich­er­stim­men geflocht­en waren) und darf diese Tri­olen – später Sechzehn­tel, kurz begleit­et vom Schlag­w­erk, dann solo – weit­er­führen, ehe in Takt 203 die ersten Vio­li­nen dazus­toßen. Ab Takt 208 sind dann wieder alle Musik­er beteiligt, doch Odeh-Sami­ni hat die Motive längst in anscheinend organ­is­ch­er Weit­er­en­twick­lung geän­dert. Lange Töne, über mehrere Tak­te hin­weg und in allen Stim­men, sor­gen mehrfach für expres­sive Ruhe, har­monisch ohne größere Dis­so­nanzen.
Schon zu Beginn des Werks set­zt der Kom­pon­ist auf Far­bigkeit und Kon­traste durch Ein­würfe der Stre­ich­er (jew­eils sechs Töne, alle­samt im indi­vidu­ell vorgeschriebe­nen, sehr flot­ten, Tem­po zu spie­len) und eine kurze Pause, aus der sich nach (notiert) ca. 30 Sekun­den die Solo-Vio­la erhebt, um „ganz ruhig“ dop­pel­grif­fig Sekun­den zu spie­len. Die Melodie der Vio­la kreist inner­halb des kleinen Ambi­tus e’ bis a’ (klin­gend), rhyth­misch immer ein biss­chen anders. Wenig Mate­r­i­al ent­fal­tet hier große Wirkung. Fast vor­sichtig und mit „halb gedrück­ten Sait­en“ kom­men nun die anderen mit einem lan­gen Bor­dun­ton dazu. Dann wieder­holen sich die je sechs in ver­schiede­nen schnellen Tem­pi einge­wor­fen Töne eines jeden Musik­ers, die man vom Beginn ken­nt.  Odeh-Tami­ni hat hier eine deut­liche Form gefun­den, um das Ende des Anfang hör­bar zu machen.
Immer wieder gren­zt er das melodis­che Mate­r­i­al stark ein, lässt die Stre­ich­er mit nur weni­gen Tönen oder Ton­rep­e­ti­tio­nen arbeit­en. So entste­ht ein genau notiertes flir­ren­des Geflecht mit fein abgestufter Dynamik. Ful­mi­nante Show­stücke ver­mei­det Odeh-Tami­ni bewusst. Stattdessen dominiert das genau über­legte, eng verzah­nte Klein­teilige, das immer wieder ein­mal in kurz­er Zeit vom Pianis­si­mo zum Forte­for­tis­si­mo anschwillt, sich Pausen gön­nt und nie das Band zum Ohr des Hör­ers lock­ert.
Das Werk endet im wohl sortierten, aber sehr leisen Flir­ren klein­er Fig­uren aller Musik­er – ganz plöt­zlich, auf den Punkt notiert, ohne Ritar­dan­di. Span­nend!
Heike Eick­hoff