Schumann, Robert

Sämtliche Werke für Klavier und Orchester

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Sony RCA 88697658772, 3 CDs
erschienen in: das Orchester 12/2010 , Seite 74

Neben dem fast übermäßig populären a-Moll-Klavierkonzert Robert Schumanns tauchen seine Introduction und Allegro appassionato G-Dur op. 92 sowie das Concert-Allegro und Introduction d-Moll op. 134 nur noch sporadisch in den Konzertsälen sowie bei CD-Einspielungen auf. Im Jubiläumsjahr Schumanns präsentiert nun der russische Pianist Lev Vinocour, der in Archiven von Berlin bis St. Petersburg unterwegs war, einige Ersteinspielungen und (weitgehend) Unbekanntes, darunter auch Instrumentationen fremder Werke.
Bekannt war vor dieser Veröffentlichung schon der von Josef De Beenhouwer ergänzte und zuvor schon eingespielte Konzertsatz d-Moll. Ebenfalls bekannt war die Konzert-Edition für Klavier und Orchester des Konzertstücks für vier Hörner und Orchester F-Dur op. 86. Zu dieser kann man im Schumann-Handbuch nachlesen, dass diese „nicht vom Komponisten oder gar von Clara Schumann stammt und nur als stilistisch gänzlich misslungen bezeichnet werden kann“. Nicht unbekannt ist auch die Tatsache, dass Schumann den Konzertsatz a-Moll seiner späteren Braut Clara Wieck instrumentierte, der als Finale Eingang in deren Klavierkonzert fand.
Nach den Skizzen der Handschriftenabteilung der Heidelberger Universität präsentiert Vinocour die Orchester-Introduktion des Thème sur le nom „ABEGG“. Deutlich umfangreicher ist das von dem Pianisten rekonstruierte und orchestrierte F-Dur-Klavierkonzert Schumanns, dessen Skizzen ebenfalls aus der Heidelberger Zeit stammen und ihn als jungen Virtuosen mit Anklängen an Hummel zeigt, dem er das Werk widmen wollte. Während die Materiallage beim Kopfsatz für eine Rekonstruktion durchaus ausreichend ist, ist die Quellenlage für die weiteren Sätze aber kaum dazu angetan, wirklich von der Rekonstruktion eines Frühwerks von Schumann zu sprechen. Ebenso ist kaum nachvollziehbar, wie Vinocour die Fantasie in a-Moll, die Urzelle des Klavierkonzerts, rekonstruiert haben will.
Als Ersteinspielung präsentiert Vinocour zudem das Klavierkonzert von Adolph von Henselt mit den Überarbeitungen und Ergänzungen Schumanns, in dieser Form uraufgeführt 1845 von Clara Schumann. Der Erkenntniswert hält sich hier indes in Grenzen, besorgte Henselt doch später selber die Drucklegung des Werks. In dieser Fassung des Komponisten liegt das Konzert in mehreren Einspielungen vor, darunter der von Marc-André Hamelin, die nicht nur pianistisch der Einspielung der Schumann-Fassung von Vinocour deutlich überlegen ist.
Vinocour, der auch den umfangreichen Booklettext geschrieben hat, der in vielen Details, besonders was die Rolle Clara Schumanns bei der Verbreitung und Rezeption des Werks ihres verstorbenen Mannes angeht, höchst anfechtbar ist, präsentiert sich bei dieser Gesamteinspielung als Pianist mit geschmeidigem Anschlag und einem Hang zu „schönen Stellen“. Zwar verfügt er über ein ansprechendes virtuoses Potenzial, aber beispielsweise führt sein eindimensional lyrisches Schumann-Spiel beim a-Moll-Konzert zu einer Einebnung von Ausdruckskontrasten und reduzierter Dynamik. Johannes Wildner und das zuverlässige ORF-Orchester folgen dem Pianisten bisweilen allzu willig auf diesem Weg.
Walter Schneckenburger