Mili Balakirew, Alexander Borodin und Nikolai Rimsky-Korsakow

Russische Troika

Neue Philharmonie Westfalen, Ltg. Rasmus Baumann

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Neue Philharmonie Westfalen
erschienen in: das Orchester 06/2021 , Seite 75

So hat man die Neue Phil­har­monie West­falen (NPW) mit ihrem detail­vers­esse­nen, ani­mieren­den Gen­eral­musikdi­rek­tor Ras­mus Bau­mann in Zeit­en rigider Coro­na-Ein­schränkun­gen schon lange nicht mehr erleben kön­nen – in voller Beset­zung und mit funkel­nder Klang­pracht. Und dazu mit einem rus­sis­chen Pro­gramm von beson­derem Reiz.
Dieses Präsent hat das Orch­ester sich und seinem Pub­likum mit ein­er CD-Ein­spielung in Eigen­pro­duk­tion bere­it­et. Es ist eine Eigen­pro­duk­tion wie sie ein Weltk­lasse-Klangkör­p­er wie das Lon­don Sym­pho­ny Orches­tra unter dem erfol­gre­ichen Label LSO schon seit Jahren herausbringt.
Auszüge aus zwei 2019 im Ruhrfest­spiel­haus Reck­ling­hausen live mit­geschnit­te­nen Sin­foniekonz­erten vere­int die 80-minütige Auf­nahme unter dem Titel Rus­sis­che Troi­ka. Mili Bal­akirews Ouvertüre über drei rus­sis­che The­men und Alexan­der Borodins Sin­fonie Nr. 2 in h‑Moll spielte das Orch­ester am 15. Jan­u­ar 2019. Niko­lai Rim­sky-Kor­sakows vier­sätzige sin­fonis­che Suite Scheherazade fol­gte am 25. Juni 2019, als noch nie­mand etwas von der Covid-19-Seuche und ihren ver­heeren­den Fol­gen ahnte.
Die Kun­stkopf-Auf­nah­me­tech­nik des 3‑D-Bin­au­r­al-Stereo-Ver­fahrens überzeugt auf Anhieb. Als Hör­er glaubt man, auf einem der besten Par­kett-Plätze mit­ten im Saal zu sitzen. Das kommt Ras­mus Bau­manns stetigem Bemühen um sei­di­ge Klang­trans­parenz selb­st in mas­siv­en Klang­bal­lun­gen per­fekt ent­ge­gen. Eben­so überzeu­gend wirkt die kluge dra­matur­gis­che Zusam­men­stel­lung. Alle drei Kom­pon­is­ten zählen wie Mod­est Mus­sorgsky und der heute völ­lig vergessene César Cui zum Kom­pon­is­ten­zirkel des „Mächti­gen Häu­fleins“. Der Math­e­matik­er Mili Bal­akirew sam­melte dieses Gruppe ab 1860 um sich, um mit einem dur­chaus ungeschlacht anmu­ten­den, folk­loris­tisch geprägtem rus­sis­chen Klangid­iom Stel­lung gegen den west­lich ori­en­tierten Kos­mopo­liten Tschaikowsky und die am Zaren­hof dominierende öster­re­ichisch-deutsche, ital­ienis­che und franzö­sis­che Musik­tra­di­tion zu beziehen.
Über­ra­gend gelun­gen ist vor allem Rim­sky-Kor­sakows ori­en­tal­isch getönte, tief in die Welt der Märchen aus Tausendun­dein­er Nacht ein­tauchende Scheherazade mit einem jagen­den Stur­m­mo­tiv, rasenden Tem­pi, schar­fen Akzen­ten im Finale und einem unen­twegt oszil­lieren­dem Wan­del präg­nan­ter Motive. Die Soli von Konz­ert­meis­ter Jin­woo Lee und Solo-Cel­list Wal­ter Gödde, Oboistin Mayu­mi Yama­da-Kühne, Klar­inet­tist Régis Vin­cent und Fagot­tist Uwe Rebers bieten eben­so wie die mächtig auftrumpfend­en Blech­bläs­er Klanggenuss in Vol­len­dung. Bal­akirews Ouvertüre besticht durch schwel­gen­den Stre­icher­glanz. Borodins düstere Sin­fonie mit ihrem per­len­den Scher­zo überzeugt als klin­gende Helden­le­gende im Breitwandformat.
Bernd Aulich