Mikhail Kollontay

Russian soul en route

Viola Concerto op. 8/First Piano Concerto Nai-Yueh Chang (Viola), Alexei Kornienko (Klavier), RTV Symphony Orchestra Moscow, Ltg. Alexei Kornienko/Mikhail Kollontay

Rubrik: CDs
Verlag/Label: TyxArt
erschienen in: das Orchester 01/2020 , Seite 77

Alles nur geklaut! Dass dem so ist, gibt der Kom­pon­ist (darf man ihn wirk­lich als solchen beze­ich­nen?) im Bei­heft freimütig zu. Sog­ar, dass er mit seinem „Dieb­stahl“ den einen oder anderen Kom­pon­is­tenkol­le­gen verärg­ert hat.
Aber sollte man deshalb diese Pas­tic­ci aus frem­den Fed­ern von vorn­here­in ver­w­er­fen? Nein, das nun eben nicht! Denn in ihrer musikalis­chen Ver­ar­beitung beweist der in Rus­s­land geborene, heute in Tai­wan lebende Kol­lon­tay, dass er eben doch ein inspiri­ert­er Kom­pon­ist und nicht nur ein lausiger Kom­pi­la­tor ist.
Bei­de auf der CD einge­spiel­ten Werke sind in ein­er dur­chaus eige­nen, der Spätro­man­tik verpflichteten Ton­sprache gehal­ten – ein­er Spätro­man­tik, in die der Kom­pon­ist gele­gentlich vor­sichtige „mod­ernistis­che“ Fußstapfen set­zt (was vor allem im Bezug auf das erste Klavierkonz­ert gilt). Dessen etwas eigen­tüm­lich­er Titel Das Weiße bezieht sich auf den Tod seines Lehrers Igor Shve­dov, den Kol­lan­tay als einen „weißen, fre­undlichen, hellen und grauhaari­gen Tod“ wahrn­immt. Die an Rach­mani­now erin­nernde (ihn aber nicht kopierende) Andante-tran­quil­lo-Ein­leitung mit ihren ger­adezu end­losen, in Gegen­läu­figkeit auf- und absteigen­den Ton­fol­gen hat tat­säch­lich etwas Reines, etwas „Weißes“ an sich. Eine Musik zum „Abchillen“ – aber bei Weit­em nicht so süßlich, wie der­lei Musik im All­ge­meinen aufzutreten pfle­gen. Hier dirigiert der Kom­pon­ist selb­st, am Klavier sitzt der Rach­mani­now-Preisträger und kün­st­lerische Leit­er des „Wörthersee Clas­sics Fes­ti­val“, Alex­ei Kornienko.
Dieser betreut als ver­siert­er Diri­gent, der er daneben auch ist, Kol­lon­tays Vio­lakonz­ert, dessen sich die tai­wane­sis­che Bratschistin Nai-Yueh Chang als Solistin angenom­men hat. Vielle­icht bezieht sich der CD-Titel, der (verkauf­strächtig) die „rus­sis­che Seele“ auf Wan­der­schaft beschwört, vor allem auf dieses Vio­lakonz­ert – ein Gedanke, der indes luftschwebend bleibt, solange nicht ein für alle­mal das nie zu Klärende gek­lärt ist, was näm­lich das sei, diese im West­en so vielfach aus­gedeutete „rrrus­sis­che Säääle“…
Wer hier näm­lich typ­isch Rus­sis­ches über­haupt ent­deck­en will, muss sich tief hineinknien in die Par­ti­tur, in der Kol­lon­tay Kom­po­si­tio­nen der bei­den rus­sis­chen Tschaikowskys (Peter und Boris) durch seinen speziellen Musik­wolf gedreht hat. Ent­standen ist ein hochvir­tu­os­es, rhyth­mis­ches, in vie­len Pas­sagen dial­o­gisieren­des Werk, dessen an bil­dun­ter­stützte Film­musik erin­nernde Sog­wirkung sich kaum ein Hör­er wird entziehen kön­nen. Die unzäh­li­gen Klip­pen dieses Konz­erts wer­den von Nai-Yueh Chang mit Ein­fühlsamkeit („chi­ne­sis­che“ Seele???) und höch­ster Präzi­sion gemeis­tert.
Die mit Solostück­en nicht eben ver­wöh­nte Bratschis­ten­welt wird Kol­lon­tay diese Kom­po­si­tion zu danken wis­sen.
Und: Endlich mal ein Dieb­stahl, der sich lohnt. Aber bitte nicht in Ihrem CD-Laden!
Friede­mann Kluge