Werke von Tschaikowsky, Glasunow, Dawidow und anderen

Russian Mood

Benjamin Kruithof (Violoncello), Nordwestdeutsche Philharmonie, Ltg. Conrad van Alphen

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Ars Produktion
erschienen in: das Orchester 02/2022 , Seite 70

Glück­licher­weise vernehmen wir auf der vor­liegen­den CD dur­chaus unter­schiedliche Stim­mungen, wen­ngle­ich ihr Titel Russ­ian Mood gle­ich­sam Melan­cholie als Dauerzu­s­tand ver­heißt. Immer­hin entsprechen fünf der acht einge­spiel­ten Werke ziem­lich genau jen­em Assozi­a­tion­spro­fil, das uns beim Stich­wort Rus­sis­che Musik ver­ständlicher­weise zu allererst in den Sinn kommt: viel Seele, viel Gefühl.
Doch es gibt auch eine andere Seite. Von ihr zeu­gen ins­beson­dere jene bei­den Orig­i­nal­w­erke, die Tschaikowsky dem Cel­lo auf den Leib geschrieben hat: die berühmten Rokoko-Vari­a­tio­nen op. 33 und das Pez­zo capric­cioso op. 62. Hier erleben wir unbändi­ge Lust an feuriger Vir­tu­osität, die fast in Wild­heit umschlägt, um – man kann sich dieser Deu­tung kaum erwehren – die Dunkel­heit­en der Seele zumin­d­est vorüberge­hend zu verdrängen.
Dass bei­de Facetten hier in vol­len­de­ter Form zu vernehmen sind, ver­danken wir dem großar­ti­gen Spiel des jun­gen, immens begabten Cel­lis­ten Ben­jamin Kruithof. Der 1999 in Lux­em­burg Geborene studierte in Maas­tricht und Köln, bevor er 2017 in die Klasse von Jens-Peter Maintz an der Uni­ver­sität der Kün­ste Berlin wech­selte. In den weni­gen Jahren sein­er bish­eri­gen Kar­riere kon­nte er durch Wet­tbe­werb­ser­folge sowie Auftritte unter anderem im Con­cert­ge­bouw Ams­ter­dam und in der Salle Cor­tot in Paris nach­haltig auf sich aufmerk­sam machen.
Mit warmem Ton, geschmack­vollem Vibra­to und makel­los­er Tech­nik gespielt, kön­nen Piè­cen wie Glasunows Chant du Ménestrel, Karl Daw­id­ows Charak­ter­stück Son­ntag Mor­gen, Tschaikowskys Noc­turne op. 19 Nr. 4, sein berühmtes Andante cantabile aus dem 1. Stre­ichquar­tett – es soll Tol­stoi zu Trä­nen gerührt haben – und last but not least Rach­mani­nows Vocalise pure Hör­freude verbreiten.
Nir­gends erliegt der junge Solist der Gefahr, zu dick aufzu­tra­gen, die reine rus­sis­che Seele, die aus diesen schö­nen Stück­en spricht, mit etwaigen Geschmacksver­stärk­ern zu über­fracht­en. Zugle­ich zeigt sich Kruithof den vir­tu­osen Anforderun­gen der erwäh­n­ten Bravour­w­erke glänzend gewach­sen. Vielle­icht hat man die ras­ante let­zte Vari­a­tion aus Tschaikowskys op. 33 von Ros­tropow­itsch & Co noch einen Tick schneller gehört, aber dass hierin kein ern­sthaftes Qual­ität­skri­teri­um zu sehen ist, ver­ste­ht sich von selbst.
Und dann wäre da noch ein „Über­raschung­sei“: die Fan­tasie über Klein­rus­sis­che Lieder op. 43 aus der Fed­er des ungarischen Cel­lis­ten David Pop­per. Seil­tanz pur! Hor­rend schwierige Dop­pel­griffe, Oktavgänge, Ar-peg­gien in Hülle und Fülle, sou­verän darge­boten von Ben­jamin Kruithof!
Das Begleit­team – die Nord­west­deutsche Phil­har­monie, geleit­et von Con­rad van Alphen – agiert nicht immer mit let­zter Delikatesse, aber soweit fehler­frei. Dem Auf­nah­me­team ist indes anzu­las­ten, dass Kruithofs feine Dik­tion gele­gentlich nicht „durchkommt“. Hier und da dro­ht der Solist unterzuge­hen. Da wäre ein zusät­zlich­es kri­tis­ches Ohr ange­bracht gewesen.
Ger­hard Anders